Tabubruch: Wenn die Kinder nach der Trennung beim Vater bleiben

Offiziell ist Heidi eine „Wochenendmutter“. So nennt der Gesetzgeber Mütter, die nicht mit ihren Kindern unter einem Dach wohnen, die sie tageweise und/oder am Wochenende sehen und Unterhalt zahlen. „Ich bin aber keine ‚Wochenendmutter’“, sagt Heidi. „Ich bin immer Mutter“. Sie stört sich an dem Begriff und wünscht sich eine andere Bezeichnung, denn „Sprache prägt“.

Heidi arbeitet als Business Coach. Sie lebt in einer bayerischen Kleinstadt, die Scheidung von ihrem Mann läuft, ihre Tochter ist 4 Jahre und ihr Sohn 10 Jahre alt. Dass sie nicht mit ihren Kindern zusammenwohnt, war keine leichte Entscheidung.

Ihr Mann und sie waren 17 Jahre zusammen, 12 davon verheiratet, die Kinder Wunschkinder und es war auch klar, dass sie nach der Geburt des ersten Kindes aufs Land ziehen. Dort leben die Schwiegereltern, dort gibt es viel Grün, Ruhe und eine Dorfgemeinschaft. Doch der Umzug von München war „total schlimm“ für sie. Heidi hat in der Verlagsbranche gearbeitet, in PR-Agenturen, sie liebt die Stadt, das Kulturangebot, das Reisen. Nun also Wiesen und Wälder. „Natürlich geben Kinder dem Leben Sinn, aber ich wollte auch einen Sinn für mich haben“, erklärt sie.

Sie will Neues erleben

Heidi fängt in der Sparkasse an. „Ich wollte nie eine Führungsposition und nie in die Finanzbranche“, sagt sie. Sie nimmt dennoch an, ist beruflich erfolgreich, baut parallel mit ihrem Mann ein Haus und bekommt ein zweites Kind. „Kurz nach der Geburt, noch im Krankenhaus habe ich meinen Mann gefragt: ‚Wir haben ein Haus, unsere Kinder, gute Jobs, was haben wir noch für Ziele?‘“ Ihr Mann habe die Frage gar nicht verstanden. Heidi will Neues erleben, Neues lernen, Neues erfahren. Sie macht eine Coaching-Ausbildung, wird Geschäftsführerin einer PR-Agentur – und merkt, dass die Ehe nicht mehr passt. „Ich war nicht mehr glücklich“, sagt sie.

Es folgt zwar noch eine Paartherapie, doch Heidi merkt schnell: Das wird nichts mehr. Sie trennt sich von ihrem Mann, zieht ein paar Dörfer weiter in eine schöne Wohnung und strebt eine 50/50-Lösung an. 10 Kilometer Schul- und Kitaweg für die Kinder: Machbar, denkt sie.

Kein unstetes Leben und Zerrissenheit

Ihr Mann schlägt vor, dass die Kinder bei ihm bleiben sollen. Heidi findet den Gedanken unerträglich. „Doch dann bin ich auf die Meta-Ebene gewechselt, weg vom Ego“, sagt sie. Die Frage sei doch: Was ist das Beste für die Kinder? Im Dorf gebe es die Großeltern, die Freund*innen, Schule, Kita, kurz das komplette soziale Umfeld. Ist es nicht viel egoistischer und besitzergreifender sie da raus zu reißen, fragt sich Heidi. Sie wollte für ihre Kinder kein „unstetes Leben und keine Zerrissenheit“ daher stimmt sie schlussendlich zu.

Unter der Woche hat sie die Kids zwei Nachmittage und bringt sie abends in deren Elternhaus ins Bett. Außerdem sind sie alle zwei Wochenenden bei ihr. Ihrem Noch-Ehemann zahlt sie Unterhalt für die beiden. Die beiden Eltern haben sich gut arrangiert. „Im Vergleich zu anderen Paaren gibt es wenig Gezicke zwischen uns“, sagt sie. Ob sie happy mit der Lösung ist? Jein: „An manchen Tagen komme ich gut damit klar, an manchen gar nicht. Auch wenn man Skypen kann, kriegt man die Kleinigkeiten nicht mit. Manchmal lege ich auf und dann weine ich erstmal und lasse alles los. Es ist schwierig.“

Kinder sind geprägt vom traditionellen Rollenbild

Für die Kinder war es besonders am Anfang nicht einfach. Ihre Tochter tut sich im Kindergarten schwer, anderen Kindern zu erklären, dass die Mama nicht mehr zu Hause wohnt. „Ich bin sehr froh, dass die Erzieherinnen sie toll unterstützen“, sagt Heidi. Als ein Freund ihres Sohnes ihn fragt, warum seine Mama nicht mit in den Urlaub fährt, hat ihn das sehr beschäftigt. „Kinder sind bereits sehr geprägt vom traditionellen Rollenmodell“, erklärt Heidi, vor allem auf dem Land, wo eine Scheidung nach wie vor nicht so „gängig“ ist wie in der Stadt.

Doch Kinder sind auch in der Lage, schnell Vorteile zu erkennen. „Meine Kinder haben immerhin zwei zu Hause, fahren öfter in Urlaub als andere Kinder und auch die Zeit, die ich mit ihnen verbringe, ist von mehr Qualität und Aufmerksamkeit geprägt als es vorher der Fall war“, sagt Heidi. Wir telefonieren und skypen regelmäßig und da gibt es Tage, an denen vermissen wir uns ganz doll und an anderen Tagen sagt meine Tochter nur: ‚Mami, ich höre gerade Bibi Blocksberg und habe jetzt ganz schlecht Zeit für dich, Kuss ich hab dich lieb, bis morgen‘ – und das ist dann auch in Ordnung.“

Manchmal ist die Entscheidung schmerzhaft

Eine ideale Lösung gibt es für Heidi nicht. Hätte sie bleiben sollen, in einer Beziehung, die sich nicht mehr glücklich macht? Hätte sie im Dorf wohnen sollen, wo sie sich nicht wohlfühlt? Hätte sie ihre Kinder aus ihrem sozialen Glück reißen sollen, für ihr eigenes? Für Heidi stehen die Kinder im Mittelpunkt. Sie sollen happy sein. „Manchmal ist die Entscheidung schmerzhaft, das bleibt nicht aus. Es ist eine Wellenbewegung“, sagt sie. Manchmal möchte ich an kinderfreien Wochenenden oder Abenden am liebsten nur vor dem Fernseher sitzen, ein Buch lesen, traurig sein und Schokolade essen. Da fühle ich mich einsam. Andererseits habe ich Freiheiten, die andere Mütter nicht so ohne Weiteres haben. Ich bin kulturell mehr unterwegs als früher, besuche oft Freunde übers Wochenende und mache Urlaube auch alleine. Das ist ein neues und auch schönes Lebensgefühl. Diese Freiheit und Unabhängigkeit genieße ich.

Ob sie sich jemals als Rabenmutter gefühlt hat? „Die Leute, die mich kennen, wissen, dass ich die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen habe“, sagt sie. Natürlich sei hinter ihrem Rücken geredet worden, doch ihre Familie stand immer hinter ihr und hat gesagt: „Du bist eine gute Mutter“. Auf einem Schulfest hat sie eine andere Mutter angesprochen und sie bestärkt: „So wie du das machst, ist es ganz toll. Deinen Kindern geht’s gut, das sieht man.“ Das habe ihr viel bedeutet, denn Schuldgefühle habe sie natürlich, sagt Heidi. „Als Mutter auszuziehen, macht exorbitante Schuldgefühle“, fügt sie hinzu. Deshalb habe sie sich von einer Therapeutin begleiten lassen.

Ein besserer Begriff ist gesucht

Für neue Bekannte ist es ein echtes Aha-Erlebnis, wenn sie von ihrem Lebensmodell erzählt. Gerade Männer sind dann überrascht. „Da baut sich aber schnell eine Art Solidarität auf, weil auch meine Kinder beim Partner leben“, sagt sie lachend. Heidi ist stolz darauf, einen Lebensentwurf gefunden zu haben, der momentan für alle irgendwie passt. Für sie ist klar, dass sich die Dinge immer wieder ändern können und die Lösung nicht in Stein gemeißelt ist. „Früher oder später kann ich mir 50/50 nach wie vor gut vorstellen, wenn die Kinder in die Trennungssituation reingewachsen sind oder sich andere Lebensumstände ändern.“ Dennoch sucht sie noch nach einem besseren Begriff. Ihr Familienmodell andersrum heißt „Alleinerziehender Vater“. „Da findet wieder eine Stigmatisierung statt, denn alleinerziehend sei weder sie noch der Vater“, erklärt sie. Und wünscht sich einen Begriff, der zeigt, dass sie immer Mutter ist, eine glückliche Mutter, für die ihre Kinder, das Wichtigste sind.

Tina Molin
Denise Siegel
Tina Molin ist Mitgründerin und Chefredakteurin von OW up!

Über die Autorin

Tina Molin

Arbeitet seit über 20 Jahren als Journalistin und hat sich schon mit vielen spannenden Themen beschäftigt. 1996 schrieb sie in Hamburg bereits über Techno, Tracks und DJs. Ab 2000 verfolgte sie für PRINZ das pulsierende Berliner Nachtleben. Später interviewte sie für BUNTE Prominente von Hugh Jackman bis Lady Gaga. Dann wurde sie Mutter – und plötzlich war die Lust weg. Daraus folgte der Blog Happy Vagina und das Interesse für weibliche Sexualität. Als Gründerin und Chefredakteurin von OW up! möchte sie Frauen inspirieren und motivieren, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen.