Scheidung: Ich spürte, dass ich handeln muss, aber ich war wie gelähmt

Mona wurde nach 18 Jahren Ehe völlig unerwartet von ihrem Mann verlassen. Sie war 51 Jahre alt und hat mit ihm zusammen einen 16-jährigen Sohn. Nach dem emotionalen Schmerz, kam etwas Unerwartetes, worüber keiner spricht: eine Art Lähmung. Und das Begreifen, dass man große Teile seines Lebens aus der Hand gegeben hatte und was das nun bedeutet.

Mona ist das, was allgemein als „Powerfrau“ oder lieber „selbständige Frau“ bezeichnet wird: 50 Wochenstunden Job in einer Anwaltskanzlei an führender Stelle, das Vereinbaren der Rollen berufstätige Frau, Ehefrau und Mutter, nebenbei ehrenamtlich tätig, schon mehrere einschneidende Schicksalsschläge hinter sich gebracht und gut gemeistert, dazu noch die Welt bereist. Mona ist natürlich nicht ihr wirklicher Name, sie möchte gerne anonym bleiben, doch das ist ihre Geschichte:

Liebe Mona was kam nach dem großen Schock des Verlassenwerdens?

Nichts, das ist das Problem. Es ging alles so schnell, dass ich dachte: Alles ist wie vorher. Man wäscht Wäsche, putzt das Bad, kauft Lebensmittel ein, kümmert sich ums Kind, geht arbeiten. Ich wusste genau, irgendwas ist furchtbar falsch an diesem Programm, aber ich konnte die Veränderung noch nicht fühlen und auch noch nicht wirklich darüber nachdenken, geschweige denn handeln. Ich war in einem ziemlich kritischen Zustand zwischen Realität und Kopfkino.

Alles war noch viel zu fremd, sehr unheimlich. Ich fühlte, dass ich in großer emotionaler und auch existentieller Gefahr bin, es fühlte sich bedrohlich an, häufig hatte ich Angst. Doch das Leben, die Realität, verlief eigentlich wie vor dem Verlassenwerden. Tief in mir habe ich gespürt, dass ich handeln müsste, aber es ging nicht. Ich war wie gelähmt.

Wie lange hast Du gebraucht, bis Du in der Lage warst zu handeln?

Ich habe ungefähr vier Monate gebraucht, bis ich endlich in der Lage war, den Zugang zum gemeinsamen Bankkonto zu sperren und das auch nur auf mehrmaliges, eindringliches Mahnen meiner Scheidungsanwältin.

Deine Scheidungsanwältin hat darauf gedrängt? Wie wichtig war Unterstützung in diesem Zwischenzustand?

Unterstützung ist das absolute Zauberwort. Um Unterstützung bitten, Netzwerke in Anspruch nehmen, sich auf Fachleute verlassen, nach Menschen suchen, die bereit sind – wenn notwendig – einem einen Kredit zu gewähren, damit man sich um seine Rechte kümmern kann.

Vier Monate Schockstarre ist lange. Was hättest Du umgehend tun müssen?

In der Situation einer Trennung oder sich anbahnenden Scheidung gibt es relativ viele Dinge, die man sofort anpacken sollte. Einerseits, um sich zu schützen, andererseits auch, um die eigene Angst vor der Zukunft im Zaum zu halten und um das Zepter wieder in die Hand zu nehmen.

Nachdem ich ins Tun gekommen bin, habe ich als Erstes sehr guten Freunden*innen und der Familie – vorausgesetzt sie sind einem wohlgesonnen – Bescheid gesagt, dass eine Katastrophe passiert ist. Hier habe ich sofort die erste Unterstützung erhalten. Ebenso wichtig war es, eine juristische Beratung in Anspruch zu nehmen, um meine Rechte zu kennen. Dafür habe ich einen Kredit aufgenommen. Dann habe ich mir eine Therapeutin gesucht, die mich durch den Prozess begleitet hat. Danach habe ich umgehend alle gemeinsamen Bankkonten gesperrt und getrennt, den Zugang zu Internet- und E-Mail-Portalen der Familie gesperrt, d. h. das sogenannte Masterpasswort geändert. Hier habe ich mir beispielsweise Unterstützung bei einer Computerfirma geholt. In diesem Kontext habe ich alle gemeinsamen Zugangswörter geändert (Bank, Amazon, Ebay usw.) und natürlich auch meinen Computer und alle meine wichtigen Unterlagen in Sicherheit gebracht. Manchmal ist es auch nötig, die Haustürschlösser auszuwechseln. Das war bei mir allerdings nicht der Fall.

Wie hat es sich angefühlt, nachdem Du das Zepter wieder in die Hand genommen hast? War es eine Krone richten und weitergehen oder ein Kampf und Krampf?

Es war eher eine Übung zum mich-wieder-Aufrichten, anders kann man diesen Quatsch nicht beschreiben. Doch dann folgte der Kampf mit den Banken und den Finanzämtern, die ebenso unnötigen Kämpfe mit der Kindergeldkasse, der Schule, den Versicherungen und den Internetportalen. Doch es war gut und ein bewusster Schritt während des Scheidungsprozesses aus dem WIR hinauszugehen.

Hättest Du jemals gedacht, dass Du gegen Deinen Partner wirst kämpfen müssen?

Als ich am Anfang der Trennung stand, dachte ich: „Mein Partner ist eigentlich noch ganz versöhnlich und betroffen. Ihm tut das leid“. Doch das war eine sehr kurze Phase. Zwei Monate lang hat mein Partner den gesetzlich vorgeschriebenen Trennungsunterhalt noch bezahlt, dann war das schlechte Gewissen ausgeschöpft und ich mit den Fixkosten der Familie plötzlich allein. Was ich daraus gelernt habe, ist: Ich muss meine Rechte kennen. Ich habe Rechte, sogar nicht wenige! Daher kann ich nur sagen: Erkundigt Euch!

Hast Du Dich dafür geschämt, dass Du Deine Rechte nicht kanntest – und auch die Passwörter nicht?

Oh ja, und darum mein Tipp: Wenn man nicht über die richtigen Papiere verfügt, weil man sich nie groß darum gekümmert und alles dem Partner überlassen hat – schämt Euch nicht! Bitte nicht, denn es gibt keinen Grund dazu. Ich habe vertraut, ihr habt vertraut, wir haben an die Liebe für’s Leben geglaubt.

Du hattest Deinem Partner vertraut. Doch nun war er Dir mit seinen Entscheidungen und Schritten meilenweit voraus?

Absolut. Er hat sich wochen- oder monatelang damit beschäftigt, dass er sich trennen wird, und er ist in den Themen, die es anzupacken gilt, schon viel weiter. Eine unfaire Situation. Man sieht völlig fassungslos zu, wie er nach einem festen Plan vorgeht, Schritt für Schritt, Puzzlestück für Puzzlestück, wie eine Maschine, und man kann  nur zusehen. Bis man aufwacht, seinen Verstand wiederfindet und agiert.

Wie hat Dein Umfeld auf die Trennung reagiert?

Die Reaktionen waren anfangs ein Problem, denn sie kamen so unerwartet. Von einem Tag auf den anderen rutschte ich von der Rolle einer gesellschaftlich anerkannten, verheirateten Frau in die Position einer mittellosen (egal, ob man Mittel hat oder nicht) alleinerziehenden Frau (auch wenn der Sohn schon fast erwachsen ist) mit drei Katzen (auch ohne Katzen). Man sieht fassungslos zu, wie die Wahrnehmung der eigenen Person demontiert wird, ohne dass man etwas getan hat oder etwas dagegen tun könnte. Man hat sich doch gar nicht verändert, nur weil der Mann nicht mehr da ist? Nicht so in den Augen vieler Menschen.

Wie sind Dir die Menschen begegnet und wie bist Du damit umgegangen?

Eher gruselig, da half da nur die Flucht nach vorn. Ich habe nach einer gewissen Zeit (und Dank der Therapie) einfach immer gleich am Anfang der Gespräche gesagt, dass ich vor einigen Monaten gegen meinen Willen von meinem Partner verlassen wurde und jetzt in einer Scheidung stecke, aber dass das Leben ganz gut weitergeht. Nach dem ersten sprachlosen Staunen bekam ich dann meist vernünftigere Reaktionen von meiner Umgebung.

Gibt es etwas, das Du zum Schluss noch sagen möchtest?

Traut Euch, liebe Frauen! Seid stolz auf eure Fragen, gebt zu, dass ihr etwas nicht versteht, weil sich euer Ex früher darum gekümmert hat. Ich wusste bei meiner ersten Strom- und Wasserablesung nicht, wo im Keller der Zähler war. Und wenn euch am Ende dann auch noch das Auto kaputt geht, der Laptop herunterfällt, der Haustürschlüssel verschwunden ist und Ihr euch die eigene Hand in der Autotür einklemmt (mir passiert, der Zeigefinger war gebrochen), grämt euch nicht! Es ist furchtbar! Aber: Es geht vorbei! Ich bin ein lebendes Beispiel dafür.

Mona hat danach ganz neu angefangen. Seit der gemeinsame Sohn sein Abitur bestanden hat und zum Studieren ausgezogen ist, lebt sie in einer anderen Stadt. Sie ist weiterhin in ihrem Job berufstätig und führt eine glückliche Beziehung mit einem neuen Mann, der auch verheiratet war und geschieden ist. Sie zahlt zwar noch ihre Schulden wegen der Anwaltskosten, aber sie ist glücklich. Denn sie hat ihre Rechte eingefordert und sich auch gegenüber den Behörden durchgesetzt. Jetzt genießt sie ihr Leben.

Stefan Zeitz

Über die Autorin

Heike Niemeier

Sie hatte eine erfolgreiche Veranstaltungsagentur, aber keinen Spaß mehr in ihrem Job. Mit Ü50 stellte sie ihr Leben komplett auf den Kopf. Mit dem Perspektivwechsel kam eine neue Berufung: Sexberaterin. Und so viel mehr Leichtigkeit und Freude im Leben. Für OW up! schreibt sie regelmäßig über Laune(n), Lust und Leidenschaft. Hier geht's zur Webseite von Heike Niemeier.