Notbetreuung: Warum kümmert sich die Politik nicht um die Kinder?

Kitas bleiben geschlossen, Eltern reiben sich zwischen Arbeit und Betreuung auf. Warum kümmert die Politik sich nicht um die Bedürfnisse der Kita-Kinder – und Eltern?

Sobald in Deutschland ein Kind geboren wird, bekommt es Post vom Staat. Kein „Herzlich Willkommen“-Schreiben, schon gar kein Begrüßungsgeld, sondern schlicht und ergreifend seine Steueridentifikationsnummer. Finnische Eltern erhalten vom Staat eine sehr geschätzte Box mit einer Grundausstattung, in Italien wird ein Kleinkind im Restaurant als Ehrengast begrüßt – doch Deutschland gehörte in Hinblick auf Kinderfreundlichkeit noch nie zu den Spitzenreitern, weder bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch im Alltagsleben. Und dann kam Corona.

Wochenlang fanden Kinder nicht mehr statt, nicht in Schulen und Kitas, nicht auf Spielplätzen und in Geschäften – und schon gar nicht in den Erklärungen der Bundesregierung. Endlich sind die ersten Lockerungen in Sicht, doch für die meisten Kinder gibt es nach wie vor nur einen Ort: In ihren Familien. Hier sind sie rund um die Uhr, ohne Pause, hier sollen sie lernen und spielen, essen und toben, aber natürlich ohne Freunde. Mit etwas Glück haben sie Geschwister in diesen Zeiten, aber kümmern müssen sich doch bitte ihre Eltern. Vor der Arbeit, während der Arbeit und nach der Arbeit, irgendwie muss das doch gehen! Nach vier Wochen rief der erste Lehrer an und sagt: „Digitalunterricht? Nee, da haben wir gar nicht die technischen Möglichkeiten, aber morgen kommt ein PDF mit neuen Aufgaben.“ Die Kita-Erzieherin bietet an, mit den Kindern zu skypen, damit man sich nicht ganz aus den Augen verliert – und man weiß gar nicht, ob das ein geniales Angebot ist oder bei den Kleinsten für noch mehr Verwirrung sorgt.

Bundesliga statt Kinderbetreuung

Kinder sind die Verlierer dieser Krise, sie haben keine Lobby, denn sie dürfen noch nicht wählen und tragen nicht zum Bruttoinlandsprodukt bei. Ob diese kleinen Menschen traurig und verunsichert sind, ob sie ihre Freunde vermissen oder dringend  Förderung brauchen oder – genau wie Erwachsene – gelegentlich einen Tapetenwechsel benötigen, scheint unsere Kanzlerin nicht zu interessieren. Ein halbgarer Satz pro Regierungserklärung, in dem das Thema ein weiteres Mal weggeschoben wird, ist für sie ausreichend.

Während Eltern über all das nachdenken und schon wieder für die unzähligen Mahlzeiten einkaufen, vor dem Morgengrauen aufstehen, um ein paar ruhige Arbeitsstunden zu haben und abends überlegen, ob sie weinen oder noch einen Wein aufmachen sollen, diskutieren Politiker darüber, wann die Fußballbundesliga endlich wieder losgeht. Geisterspiele für das Volk haben Priorität, schließlich liegt ein Hygiene-Konzept vor! Man darf gespannt sein, wie die Fußballer 90 Minuten lang keine Körperflüssigkeiten absondern, mitsamt der Schutzmaske immer hübsch den Mindestabstand einhalten und sich nach jedem Einwurf ihre Hände waschen.

Alleingelassen von der Politik

Noch nie fühlten Eltern sich von der Politik so alleingelassen wie in diesen Tagen, unter dem Hashtag #CoronaEltern, den die Journalistin Mareice Kaiser ins Leben gerufen hat, tauschen sie ihre Erfahrungen aus und lassen Dampf ab. Natürlich wissen Eltern, dass Kitas Keimschleudern sind, jeder kennt die fröhlichen Schilder „Wir haben Scharlach im Haus!“ oder „Brechdurchfall in Gruppe Grün und Gelb“. Niemand erwartet, dass das Kita-Leben in den nächsten Monaten so läuft wie bisher. Aber es ist an der Zeit, sich endlich um die Kleinsten zu kümmern und klarzumachen, dass das Wort „Kita-Kind“ kein Synonym ist für ein unzurechnungsfähiges Wesen, das automatisch alles ansabbert und jedem die Hand in den Mund steckt. Es geht um Menschen zwischen null und sechs Jahren, und diese kleinen Wesen haben in den letzten zwei Monaten mehr kapiert, als uns lieb ist.

Darum können Kitas Angebote für kleine Gruppen machen, sie könnten Ausflüge in die Natur unternehmen, schließlich bestätigen Virologen, dass sich das Virus im Freien nicht so stark ausbreitet. Sie können Vorschularbeit für die Größeren leisten, die sich inzwischen gewissenhafter die Hände waschen als so manch Erwachsener. Sie könnten auch ein Bilderbuch-Kino veranstalten, mit genügend Abstand für jeden – und wenn es nur gelegentlich zwei Stunden sind, die Eltern zum Durchatmen oder konzentriertem Arbeiten nutzen.

Eltern wollen eine Perspektive

Eltern haben ein Recht darauf, dass die Politik ihnen in der Krise Aufmerksamkeit schenkt, dass man sich um ihre Sorgen und Nöte kümmert und nicht nur ihnen, sondern auch ihren Kindern eine Perspektive bietet. Es ist keine Lösung, dass ein Elternteil – meist sind es am Ende die Frauen – bis zum Herbst im Job zurücksteckt oder gar den Arbeitsplatz aufgibt und womöglich langfristig verliert, weil Kinderbetreuung und Homeoffice zufällig nicht zusammen passen. Und es ist auch keine Lösung, kleine Kinder bis zum Herbst aus der Gesellschaft auszuschließen.

Die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg hielt kürzlich eine Pressekonferenz nur für Kinder ab, um deren Fragen zur Corona-Pandemie persönlich zu beantworten. Das ist in Deutschland schwer vorstellbar, hier stehen ökonomische Interessen im Vordergrund, nicht die Familien am Rande des Nervenzusammenbruchs. Aber wenn die Wirtschaft hierzulande das einzige Argument ist, darf die Regierung sich darauf besinnen, wer ihre  Steuerzahler*innen von morgen sind. Deren Identifikationsnummern liegen ihr ja bereits vor.

Verena Brockshus Sprung

Über die Autorin

Heike Kleen

1975 in Bremen geboren, studierte Germanistik und Politikwissenschaften. Sie arbeitet als freie Journalistin und schreibt auf Spiegel Online eine Kolumne über die neue Weiblichkeit. Zudem ist sie TV-Autorin für Talkshows in ARD, ZDF und NDR und coacht als Medientrainerin Autor*innen, Moderator*innen und Journalist*innen für Fernsehauftritte. Zuletzt erschien von ihr das Buch „Jung war ich früher, jetzt will ich nur noch so aussehen“.