Ich bin schwanger. Warum will niemand hören, wie übel es mir geht?

Unsere Autorin Jasmin ist zum zweiten Mal schwanger. Mit Übelkeit auf dem Sofa liegend, wundert sie sich, warum von Schwangeren erwartet wird, dass sie stets glücklich und strahlend durchs Leben hüpfen. Warum darf nicht gesagt werden, wie körperlich und seelisch anstrengend der Prozess sein kann?

Diese müden Augen, diese blassen Wangen, diese Stille in ihr, die den meisten befremdlich vorkommt! Was ist denn nur mit ihr? Sie, die doch immer so überschäumt vor Energie, Glück und den Tag so nimmt, wie er kommt... Drei Monate Magen-Darm: Erbrechen, 24 Stunden Übelkeit, Schwindel, Müdigkeit, energielos und depressiv. Da würden jetzt einige wahrscheinlich sagen: Tut mir leid und gute Besserung! Was aber, wenn Frau gar nicht „krank“ ist, sondern einfach nur schwanger?

Mir ist aufgefallen, wie wenig Sensibilisierung und ehrliche Gesprächskultur zum Thema Schwangerschaft vorhanden ist. Es ist für die meisten von uns völlig normal, zu sagen: „Reiß Dich zusammen, Du bist doch nicht krank!“. „Du weißt doch, was Du im Gegenzug dafür bekommst!“. „Sei doch froh, dass Du überhaupt die große Chance hast, schwanger zu werden!“. Wenige Sätze entfachen eine völlige Verzerrung der eigentlichen Gefühle und das Wohlbefinden gerät ins absolute Abseits, denn es ist beinahe eine gesellschaftliche Bedingung, dass Schwangere durch die Welt hüpfen mit strahlenden Augen und wohlgeformten Milchtüten. Achso, und die samtweiche Haut nicht zu vergessen.

Seid Laut!

Dabei gibt es genügend Sofaleichen während der Schwangerschaft und auch weit über die ersten drei Monate hinaus. Einer dieser Sofaleichen bin ich! Wie körperlich und seelisch anstrengend so ein Prozess sein kann, während unser zweites Kind sich in unser Leben tanzt, darf nicht zu laut gesagt werden oder setzt energieraubende Diskussionen frei.

Doch Mädels! Seid laut und lasst Euch nicht marginalisieren, weil die Gesellschaft das Bild der überglücklich Mutter erschaffen hat. Lasst uns zur Realität zurückkommen und uns gegenseitig empowern und füreinander einstehen. Bei meiner ersten Schwangerschaft habe ich bis zum Anfang des 8. Monats gebrochen und habe nur sieben Kilo Gewicht zugenommen, dennoch konnte ich meine Energie ganz anders bündeln mit der Vorfreude auf das erste Kind.

Empowert Euch!

Die Vorfreude auf das zweite Kind ist nicht weniger, aber die Realität ist nun einmal eine ganz andere. Lasst uns daher sensibilisierter mit dem Thema Schwangerschaft umgehen: Uns zuhören und Gefühle und Prozesse auch mal unkommentiert lassen. Lasst uns verstehen, dass das Wunder dieser Welt nicht davon abhängt eine Bilderbuch-Schwangerschaft nachzuweisen, sondern viel mehr davon, wie ehrlich wir zu uns und unserem Körper sind. Empowert Euch, Ladies!

Noch eine kleine Liebeserklärung an meinen Mann: Du bist unglaublich und es ist wundervoll Deine Sofaleiche zu sein, denn selbst in dieser Situation gibst Du mir das Gefühl sexy, stark und liebenswert zu sein! Danke!

Ferry Dietel

Über die Autorin

Jasmin Blümel-Hillebrand

Mittdreißigerin, Produzentin, Anti-Rassismus Aktivistin, Feministin, Kosmopolitin, Lieblingsfarbe bunt, sehr gern verheiratet, stolze Mutter einer Tochter und zuhause am Puls der Zeit: in Berlin. Sie ist ein  humorvolles, kommunikatives, weltoffenes und querdenkendes Energiebündel mit einem Faible für Menschen, gesellschaftsrelevante Themen, Tiere, Pflanzen, Kunst und Kultur, Improvisation und Achtsamkeit, Wörter und Poesie.