„Wir waren zu Kinderwunsch-Robotern geworden“

Seit ihrer Kindheit träumt unsere Autorin Katharina davon, Mutter zu werden. Doch fünf In-Vitro-Fertilisationen und einer diagnostizierten Endometriose später ist ihr Traum zum Alptraum geworden.

Ich bin noch nicht ganz wieder aus der Vollnarkose einer Operation erwacht, da nehme ich bereits eine gedämpfte Stimme wahr: „Ihre Eileiter sind komplett undurchlässig. Sie werden auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen können“. Noch ist mein Hirn überhaupt nicht in der Lage, diese Information zu verarbeiten. Erst einige Stunden später fragt mich meine Mutter, die beim Arztgespräch dabei war, ob ich verstanden hätte, was mir gesagt worden war. Erst da wurde mir bewusst, dass mein Traum Mutter zu werden, zerstört ist.

Ich wollte schon immer ein Kind. Schon als junges Mädchen, stellte ich mir meine Zukunft als Hausfrau und Mutter vor. Meine Lebensplanung sah so aus: Ich wollte studieren und dann eine Familie gründen und mein Kind großziehen. Für viele meiner Freundinnen total altmodisch und ein positiver Schwangerschaftstest wäre für sie in dem Alter eine einzige Katastrophe gewesen. Ich hingegen hätte am liebsten mit 21 Jahren schon losgelegt, dennoch habe ich noch einige Jahre gewartet.

Ich war 24 und in einer festen Beziehung als wir beschlossen, die Pille abzusetzen. Er sagte: „Wenn’s passiert, passiert’s!“. Ich jedoch wollte das Ganze beschleunigen und versuchte es deshalb mit Temperatur messen und der symptothermalen Methode (NFP), doch es passierte einfach nichts. Als ich nach ein paar Jahren dann die Diagnose Endometriose bekam, hatte ich zwar endlich eine Erklärung dafür, aber mein Leben änderte sich durch die Krankheit komplett.

Endometriose ist eine chronische Erkrankung, die dazu führt, dass sich gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter im Körper festsetzt und zu sehr schmerzhaften Verwachsungen und Entzündungen führt. Ich habe durch die Krankheit nicht nur starke Einschränkungen in meinem täglichen Leben, sondern ich bin dadurch auch unfruchtbar.

Vom ungesunden Neid zerfressen

Niemand, der diesen absolut alles einnehmenden Kinderwunsch nicht hat, kann sich vorstellen, wie es sich anfühlt, ungewollt kinderlos zu sein. Das Gefühl ist so stark, dass es sich körperlich auswirkt – Panik, Herzrasen und unkontrolliertes Weinen oder Wut sind an der Tagesordnung. Bei der Gefühlslage wechselt sich meistens tief sitzender Neid auf Mütter mit absoluter Verzweiflung, Schmerz und Trauer ab. Dieser Neid hat schon so manche Freundschaft beendet, denn ist eine Freundin schwanger, dann ist sie quasi nicht mehr existent in meinem Leben. Auf der einen Seite möchte ich ihr so gern gratulieren und sage mir immer wieder: „Das ist nicht mein Kind, was da in ihr heranwächst.“ Auf der anderen Seite ist da dieser ungesunde Neid, der mich zerfrisst und rationale, positive Gedanken nicht mehr zulässt.

Als ich mich nach sechs Jahren von meinem Freund trennte, sah ich nur noch schwarz. Mit meinem aufgeblähten OP-Bauch von dem Endometriose-Eingriff, dem frischen Wissen, dass es auf natürlichem Weg für mich keine Möglichkeit geben wird Mutter zu werden, stolperte ich wie blind durchs Leben. Und stolperte ganz unerwartet über ihn: Meinen (mittlerweile Ex-)Mann. . Es war Liebe auf den ersten Blick und ich sagte noch am selben Abend: „Willst du mich kennenlernen? Dann musst du mich heiraten und mir ein Kind machen!“. Ich wollte keine weitere Zeit mehr verlieren, auch nicht an die Liebe, denn ich hatte vorher noch nie für jemanden so starke Gefühle. In meiner Vorstellung sah ich ihn schon mit einem kleinen, blondgelockten Mädchen an der Hand glücklich auf mich zulaufen. Unserem Mädchen. Er stutzte kurz, aber zehn Monate später heirateten wir. Warum so schnell heiraten? Aus Liebe und auch, weil künstliche Befruchtungen dann von einigen Krankenkassen unterstützt werden. Zumindest das Basispaket mit  drei Versuchen. Künstliche Befruchtung … Das geht genauso leicht von den Lippen wie Adoption. Dass IVF (In-Vitro-Fertilisation) allerdings einem Vollzeitjob gleicht, wusste ich damals nicht.

So sehen Sieger aus – oder auch nicht

Wir suchten uns eine Kinderwunschklinik, die gute Bewertungen hatte und gingen zum ersten Beratungsgespräch. Alle sind nett, das Personal sieht aus wie aus einem Katalog – braungebrannt, schneeweiße Zähne und immer lächelnd. Ich war damals noch nicht ganz 30 und bekam gute Chancen attestiert, dass es klappt. Wir waren auch optimistisch, denn schließlich war die gesamte Klinik tapeziert mit glücklichen Paaren und ihren Kindern.

Etliche Untersuchungen, Tests, Blutabnahmen, stapelweise Papierkram und Termine später war es so weit: der erste Versuch! Ich spritzte mir Medikamente, um mehr Eizellenbläschen zu produzieren, die dann später herausgenommen und mit dem aufbereiteten Sperma meines Mannes zusammengeführt werden sollten. Leider musste der erste Versuch abgebrochen werden. Ich produzierte nichts. Ich brach auf dem Flur des Kinderwunschzentrums weinend zusammen und wurde schnell in einen ruhigeren Raum gebracht – man wollte wohl nicht, dass andere, hoffnungsvolle Paare mein Elend sahen.

Nach einigen Wochen waren wir stabil genug, um mit dem zweiten Versuch zu starten. Wochenlanges Hormone spritzen, weiterhin Vollzeit arbeiten und dabei optimistisch bleiben, hatten wir mittlerweile richtig gut drauf. Ich produzierte 15 Eier, die entnommen werden konnten und wir sangen beim Einfahren in den OP-Saal: „So sehen Sieger aus! Shalalalala!“

Ich brauchte eine Pause

Aus den 15 entnommenen Eizellen hatten sich nur zwei Embryonen entwickelt. Und diese beiden wurden nur als C-Qualität klassifiziert: Es gibt A,B,C,D-Qualität. Sie waren also eher mittelmäßige Embryonen. Nicht das Beste, aber besser als nichts. Man versicherte uns, dass sich das Einsetzen doch lohnen würde, weil es nicht darauf ankomme, wie die Qualität sei, sondern, dass es die für mich richtigen Babys sind. Zwei Wochen Bangen und Hoffen, dass sich die zwei eingesetzten Embryonen festgesetzt haben. Ich merkte bereits  nach einer Woche, dass ich sie verloren hatte, sagte es meinem Mann aber nicht.

Ich brauchte eine Pause. Wunden lecken, Gesundheit wiederherstellen. Meine Darmflora war komplett zerstört, da ich während des wochenlangen Prozederes  fünf verschiedene Antibiotika nehmen musste, um komplett „gereinigt“ und frei von jeglichen Störfaktoren zu sein.

Doch waren mein Mann und ich uns einig, dass die Pause nicht zu lang sein sollte. Wir wollten es beide so sehr und mittlerweile war auch etwas anderes dazugekommen: Der Drang dieses irre Spiel zu gewinnen. Als Siegertrophäe unser Kind zu bekommen – so absurd es klingt, wir waren zu Kinderwunsch-Robotern geworden, deren einziges Ziel die Reproduktion war. Wir hatten es geschafft, liebevolle und menschliche Gefühle zurückzuschrauben, um nicht weiter von der sterbenden Hoffnung verletzt zu werden. Wir kümmerten uns nicht darum, wie es uns und unserer Psyche ging. Wir flickten nur das Nötigste und sprangen in den nächsten Versuch. Im Prinzip war es, als würde man kaputte Maschinen in einer Fabrik nur schnell mit Tesafilm reparieren und direkt mit der Produktion weitermachen. In mir kamen leise Zweifel auf – ging es noch darum Eltern zu werden oder wollen wir einfach nur das Spiel IVF gewinnen?

Ich war am Ende. Keine weiteren Versuche mehr

Dennoch folgten  noch ein vierter und fünfter erfolgloser Versuch. Ich war absolut am Ende. Körperlich und psychisch. Ich nahm nichts mehr wahr, konnte nicht mehr denken, vergaß, was ich in der Minute vorher gemacht hatte und fühlte mich wie in graue Watte gewickelt. Alles war dumpf und ich nicht mehr in der Lage Trauer, Freude, Schmerz, Liebe oder Angst zu spüren. Nichts. Mein größter Traum war zum Alptraum geworden. Ich war ausgebrannt und wollte nicht mehr. Keine weiteren Versuche. Adoption kam nicht infrage und überhaupt wollte ich das in meiner Verfassung sowieso alles nicht mehr. Wie sollte ich einem Kind eine gute Mutter sein, wenn es mir so fürchterlich schlecht ging?! Mein Mann sah das anders. Wir waren doch so kurz davor zu gewinnen. Wir trennten uns. Wir hatten uns auf dem Weg verloren. Die meisten Kinderwunschkliniken bieten psychologische Begleitung an, doch wir hatten ganz arrogant darauf verzichtet. Wir hatten gedacht, uns kriegt doch nichts auseinander: So sehen Sieger aus!

Ich kam in eine Klinik und wurde wegen meines Zusammenbruchs behandelt. Das Burn-out ging, der Kinderwunsch blieb. Ich habe mittlerweile allerdings ein anderes Leben aufgebaut und lerne jeden Tag besser damit umzugehen. Statt Hausfrau und Mutter bin ich nun unverhofft zur Businessfrau geworden. Ich weiß über mich, dass ich keine halben Sachen mache.  Aber da es mir nicht gut tut, wenn ich immer überall mehr als 100 Prozent gebe und verausgabe,habe ich mich selbstständig gemacht. Mit der Endometriose und dem immer noch nicht komplett vollen Akku kann und möchte ich auch gar nicht nicht mehr Vollzeit arbeiten. Ich achte mehr auf mich und nehme nicht mehr an allem Teil, sondern sage auch mal nein. Manchmal schlägt es mir noch mit voller Wucht ins Gesicht, wenn ich Kinder spielen sehe, eine Freundin schwanger ist oder ich Windelwerbung sehe, aber im Großen und Ganzen sehe ich doch, dass ich auch ohne Kind ein erfülltes Leben führen kann. Zumindest bin ich auf einem guten Weg dahin.

Was ich aus fünf Versuchen gelernt habe und gern weitergeben möchte:

  • Achtet nicht nur auf die Bewertungen der Kinderwunschkliniken, sondern macht euch unbedingt ein eigenes Bild – lasst euch bei der Auswahl Zeit.
  • Sorgt unbedingt dafür, dass ihr stressfrei an die Versuche rangehen könnt: Geldsorgen sind hinderlich, Geheimhalten vor Freunden und Familie kann Stress verursachen, nehmt euch Urlaub, seht zu, dass es euch gut geht.
  • Nehmt die Zusatzangebote wie TCM, Selbsthilfegruppen und psychologische Betreuung in Anspruch.
  • Schaut auch im Ausland nach Kliniken – es kann sich lohnen. Sowohl finanziell als auch medizinisch.
  • Hört auf euren Körper und gönnt ihm Pausen.
  • Versucht weiterhin ein Sexleben zu führen, denn man wird schnell zu Reproduktions-Robotern
Privat

Über die Autorin

Katharina

Katharina ist 34 und lebt gemeinsam mit ihrem Hund in Berlin. Aufgrund ihrer Krankheit machte sie sich vor einiger Zeit als PR-Beraterin selbstständig, um flexibler zu sein, da ein Vollzeitjob im Büro nicht mehr möglich war. Endometriose bestimmt seit sieben Jahren ihr Leben. Ihr großes Ziel ist es, über die chronische Krankheit aufzuklären und Betroffenen zu helfen, sich endlich ernst genommen zu fühlen.