Wie überbringt man eigentlich schlechte Nachrichten, Prof. Dr. Sehouli?

Nach einer Operation 2015 überbrachte Professor Sehouli die gute Nachricht, dass unsere Autorin KEINEN Eierstockkrebs hat. Was Heike Niemeier besonders beeindruckt hat: Dass er sich Zeit nahm, an ihrem Bett saß und nicht vor ihr stand. Im Interview spricht sie mit der Medizin-Koryphäe über die Kunst, schlechte und gute Nachrichten zu überbringen.

Wann bekam das Thema gute Nachrichten, schlechte Nachrichten Relevanz für Sie?

Das Thema wurde mir das erste Mal nach einer erfolgreichen zehnstündigen Operation einer hochbetagten, 85 Jahre alten Patientin sehr bewusst. Ich saß völlig erschöpft auf der Station und dann erhielt ich die  Nachricht, dass sich der Ehemann (92 Jahre alt) gerade erschossen hatte. Nach dem Schockmoment habe ich meinen Oberarzt angerufen. Der sagte: „Das muss man ihr sagen!“. Ich war damals noch ein ganz junger Arzt, gerade im ersten Ausbildungsjahr und fragte mich: „Wie soll ich ihr das sagen?“. Ich war eigentlich in dem Modus ihr die gute Nachricht zu überbringen, dass bei der OP alles gut gelaufen sei – und  dann diese Schreckensnachricht. Eine Krankenschwester verwies mich schließlich an den Psychiater, der das übernehmen könnte. Da war ich sehr dankbar, dass ich das nicht aufgebürdet bekam.

Welche Erkenntnis haben Sie aus dieser ersten Erfahrung mitgenommen?

Mir war danach klar, dass gut operieren allein nicht ausreicht kann, um diese Verantwortung zu tragen. Handwerklich begabt zu sein und Techniken zu trainieren, reicht nicht aus um ein* gute*r Operateur*in und Ärzt*in zu werden, sondern man muss auch notwendige und schwierige Botschaften übermitteln können. Und so gern man möchte, dass es nur gute Nachrichten auf dieser Welt gibt, so gibt es doch viele schlechte.

Ich habe dann gemerkt, dass es keine Ausbildung und keine Vorbilder dafür gibt. Man lernt eigentlich am besten von Vorbildern, nicht aus Büchern und nicht aus wissenschaftlichen Konzepten, aber die gab es nicht, und die gibt es leider auch heute noch selten, weil das Thema eben sehr tabuisiert ist.

Stefan Zeitz

Über die Autorin

Heike Niemeier

Sie hatte eine erfolgreiche Veranstaltungsagentur, aber keinen Spaß mehr in ihrem Job. Mit Ü50 stellte sie ihr Leben komplett auf den Kopf. Mit dem Perspektivwechsel kam eine neue Berufung: Sexberaterin. Und so viel mehr Leichtigkeit und Freude im Leben. Für OW up! schreibt sie regelmäßig über Laune(n), Lust und Leidenschaft. Hier geht's zur Webseite von Heike Niemeier.