Verletzlichkeit öffnet Türen

Verletzlichkeit ist ungefähr so modern wie gestickte Lebensweisheiten. Nämlich gar nicht. Lieber sind alle stark und erfolgreich als ihre Schwächen zu zeigen. Doch damit soll nun Schluss sein. Unsere Autorin Fehu Freyadottir plädiert für mehr Verletzlichkeit, denn in ihren Augen ist ein „Seelen-Striptease” das Fundament für Authentizität und tiefe Verbindung mit sich und anderen.

Auf dem Weg nach mehr Authentizität und Tiefe habe ich Anfang des Jahres bei einer „Vulnerability Challenge” mitgemacht. Das war nicht einfach, es gab einige Momente, in denen es mich Überwindung gekostet und mir Angst gemacht hat, mich in meiner Verletzlichkeit zu zeigen und zu öffnen. Das kann sich so unangenehm und unbequem anfühlen, wie sich auszuziehen. Ein „Seelen-Striptease” eben.

Am ersten Tag gab es die Aufgabe einen von Herzen kommenden Liebesbrief an eine Person zu schreiben, die uns etwas bedeutet. Das war gut, um sich langsam in die Verletzlichkeit zu begeben, denn am zweiten Tag ging’s dann voll los. Die Aufgabe lautete: Allen Teilnehmern der Challenge per Text oder Video etwas über sich zu offenbaren, von dem wir denken, wir könnten es niemandem verraten. Ich machte ein Video und fand mich weinend, mein Herz ausschüttend vor der Kamera wieder. Die schwerste Aufgabe für mich persönlich war es aber, um Unterstützung zu bitten, da ich oft noch glaube, alles allein können und hinkriegen zu müssen.

Was ist Verletzlichkeit eigentlich?

Für mich bedeutet es, sich sichtbar zu machen - ohne Gefühle zu verstecken. Das fühlt sich nicht nur oft beängstigend an, sondern ist es auch!

Rein körperlich macht sich das durch Nervosität, Fluchtinstinkte, stockenden Atem, schnellen Puls oder Unbehaglichkeit bemerkbar. Denn Verletzlichkeit tritt oft mit seiner Schwester Angst auf. Angst davor verletzt zu werden; Angst davor nicht geliebt oder angenommen zu werden; Angst davor zurückgewiesen zu werden - vor allem wegen der eigenen „Makel”. Diese Ängste sind meist in der Kindheit entstanden, wo wir uns gezeigt haben und nicht akzeptiert wurden. Wir reagieren mit verschiedenen Vermeidungsstrategien auf unsere Verletzlichkeit:

  • Rückzug
  • Schweigen
  • Wechseln des Themas
  • Witze machen
  • Ablenkung
  • Konfrontation

Doch nicht nur die Erfahrungen aus der Kindheit machen es uns schwer, auch in unserer Gesellschaft ist Verletzlichkeit meiner Meinung nach nicht hoch angesehen. Wir leben zwar in einer Zeit, wo immer mehr Menschen versuchen sich authentisch zu zeigen, doch Verletzlichkeit wird in meinen Augen immer noch mit Schwäche gleichgesetzt - anstatt die enorme Stärke dahinter zu erkennen.

Raus mit der Wahrheit

Mein erster Instinkt ist, immer mal wieder Momente der Verletzlichkeit zu überspielen oder das Thema zu wechseln. Doch besser ist es, sich zu zeigen. Als ich mich zum Beispiel letzte Woche mit einem Freund unterhalten habe, sagte er plötzlich: „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass du dich gerade zurücknimmst und mir nicht zeigst, was wirklich in dir vorgeht.” Sein Röntgenblick war mir ersteinmal unangenehm, doch dann habe ich mir erlaubt, meine Verletzlichkeit zu fühlen und zu zeigen, was mich weicher gemacht und unterschwellige Anspannung und Sorge aufgelöst hat.

Verletzlichkeit bedeutet für mich nicht nur sich zu zeigen, sondern sich auf allen Ebenen mitzuteilen.

  • Zu sagen, dass einem der Röntgenblick unangenehm ist.
  • Zu sagen, dass man nicht in bester Verfassung ist.
  • Zu sagen, dass man unsicher ist.
  • Zu weinen, rot zu werden, zu zittern.

Seine Wahrheit aussprechen, dass es vielleicht doch nicht passt mit dem neuen Liebhaber.
Da Verletzlichkeit nicht in Schulen unterrichtet wird, können viele von uns nicht auf positive Erfahrungen mit der Verletzlichkeit zurückgreifen. Ja, Verletzlichkeit fordert von uns mutig zu sein, uns zu zeigen und vorher nicht zu wissen, wie die andere Person reagiert. Doch dem anderen geht es genauso. Er oder sie hat auch Tausende Ängste. Sich verletzlich zu zeigen, ist auch eine Einladung für andere sich zu öffnen. So können wir den anderen fühlen und wahre Nähe kann entstehen.

Verletzlichkeit ist menschlich!

Ein Handbuch wie man „richtig” verletzlich ist, gibt es nicht!

Aber man kann lernen sich der Verletzlichkeit mehr zu öffnen und leichter über seinen Schatten und damit über seine Ängste zu springen. Die Angst etwas falsch zu machen, nicht gut genug oder zu viel zu sein, verschwindet zwar nicht komplett, aber sie wird kleiner. Doch wenn wir uns wirklich offen und ehrlich mitteilen, merken wir, wie befreiend es ist all die Masken, hinter denen wir unsere Verletzlichkeit verstecken, abzulegen.

So habe ich meine Verletzlichkeit geübt:

  • Mir erst einmal bewusst zu machen, wie sich Verletzlichkeit in meinem Körper anfühlt
  • Diese Zeichen zu erkennen, wenn ich mit jemand anderem bin
  • Und dann trotz Angst, Nervosität oder Unsicherheit das zu kommunizieren, was mich verletzlich fühlen lässt.
  • Hab Vertrauen und trau dich, denn Verletzlichkeit öffnet nicht nur die Tür zu mehr und tieferen Verbindungen zu anderen, sondern vor allem zu dir selbst!
Fehu Freyadottir
Christine Krawall

Über die Autorin

Fehu Freyjadòttir

Sie ist körper-psychotherapeutische Coach und Spezialistin für Prozessbegleitung und Sexualität. Fehu gibt Workshops zu den Themen Sinnlichkeit, Sexualität, Intimität und Körperbewusstsein. Sie führt Menschen zu ihrem natürlichsten, lebendigsten, ursprünglichsten, sinnlichsten und authentischsten Selbst. Hier geht's zur Webseite von Fehu Freyjadòttier.