Stayhome: Warum ist Alleinsein so schwierig?

Wenn ich in den letzten Tagen Instagram oder Facebook anschaue,  taucht immer wieder dieselbe Frage bei vielen User*innen auf: Was mache ich mit der vielen Zeit zu Hause? Unsere Autorin Heike Niemeier hat dieses Problem nicht. Sie ist (fast) voll beschäftigt – auch mit Nichtstun.

Wenn ich durch mein Instagram-Feed schaue, hinterlässt es bei mir den Eindruck, dass sich viele Menschen und vor allem Singles gerade sehr unwohl fühlen. Die erzwungene Situation des Alleinseins  stresst, denn viele wissen offenbar nicht, was sie mit dieser freien Zeit anfangen können. Vielleicht habe ich als langjährig allein wohnende Frau einen gewissen Vorsprung darin, mit mir und meinen Gedanken alleine zu sein.

Zeit, mit sich selbst zu verbringen, kann eine wunderbare Sache sein. Ich habe das in den letzten Jahren gelernt und immer wieder geübt, beispielsweise beim Fastenwandern. Die Isolation hat mich in meiner eigenen Entwicklung immer sehr inspiriert, auch wenn die Konfrontation mit mir selbst oft herausfordernd war. Denn da stand und stehe ich manchmal immer noch allein mit all diesen negativen Gefühlen wie Wut, Traurigkeit, Selbstzweifeln, Angst und vielen mehr,  aber auch mit allen positiven Gefühlen wie Glück, Zufriedenheit und Wohlbefinden. Diese anzunehmen, zu ertragen im positivsten Sinne und darin Ruhe zu finden, ist für mich der Moment meiner Stärke.

Dinge, die Freude machen

Die letzte Woche war gefüllt mit unendlich vielen Dingen, vor allem mit Ritualen, die mir viel Freude machen. So liebe ich es beispielsweise, im Bett zu frühstücken. Nicht jedermanns Sache, Krümel und so, das verstehe ich. Doch es geht hier eben darum, genau das zu tun, was einem selbst Freude bereitet. Meine kleinen Rituale sind jetzt jeden Tag recht einfach umsetzbar, da ich meine Sexberatung derzeit nur online durchführen kann.

Und wenn die berufliche Seite erfüllt ist, was dann? Keine Treffen, keine Cafébesuche, kein Kino, nur ich selber – und das absolut: Ich bin sogar ohne Netflix oder andere Streaming-Dienste. Ist das ein Problem? Macht es mir Angst einmal nichts, rein Garnichts zu tun? Ist es beängstigend nur mich selbst zu spüren?

Durch Langeweile entsteht Kreativität

Ich wurde in meinem Leben oft von Ängsten begleitet, und sie waren immer schlechte Berater. Lange habe ich sie einfach loswerden wollen und gegen sie angekämpft. Dann habe ich sie zu meinen Freundinnen gemacht. Und siehe da, die Ängste hatten und haben immer etwas Gutes. Mir haben meine Ängste einen skeptischen, kritischen und konzentrierten Blick geschenkt, auf das, was da gerade mit mir und um mich herum passiert.  

Genauso verhält es sich mit der Langeweile. Für mich gibt es nichts Schöneres, als gelangweilt auf dem Sofa zu liegen und einfach nur nach draußen zu schauen, ohne digitale Ablenkung natürlich. Und siehe da, aus meiner Langeweile entsteht Kreativität, neue Ideen und Energie.

Mein kleiner Zaubersatz macht Mut

Die aktuelle Situation und das Schicksal vieler Menschen lassen mich auch in meiner Wohlfühlhöhle – so nenne ich mein Alleinsein – nicht unberührt. Und doch bin ich ganz bei mir, konzentriere mich auf mich selbst und meine Gefühle. Ich muckel mich ein, wie ich es oft Freunden gegenüber in den letzten Tagen am Telefon erkläre. Genieße mich in diesen schwierigen Zeiten mit allen guten und schlechten Gefühlen, die da kommen. Dann heißt es annehmen. Kein leichter Prozess, aber supergut für meine Zukunft und das eigene Wohlbefinden.

Ich selbst schaffe es diesen Prozess, der sich beim Alleinsein ergibt, immer wieder mit Mut zu durchleben. Und wenn mir Mut fehlt, erinnere ich mich an meinen kleinen Zaubersatz, meine Bestätigung und Vergegenwärtigung dessen was ist: Da, wo ich bin, ist es schön.

Stefan Zeitz

Über die Autorin

Heike Niemeier

Sie hatte eine erfolgreiche Veranstaltungsagentur, aber keinen Spaß mehr in ihrem Job. Mit Ü50 stellte sie ihr Leben komplett auf den Kopf. Mit dem Perspektivwechsel kam eine neue Berufung: Sexberaterin. Und so viel mehr Leichtigkeit und Freude im Leben. Für OW up! schreibt sie regelmäßig über Laune(n), Lust und Leidenschaft. Hier geht's zur Webseite von Heike Niemeier.