Resilienz: Der wichtigste Mensch in deinem Leben bist DU

Wie widerstandsfähig wir Stress, Krisen und Problemen begegnen, zeigt unsere Resilienzfähigkeit. Manche Menschen bewältigen schwierige Phasen besser als andere, doch wie wir mit solchen Herausforderungen umgehen, ist erlernbar. Für Coach Heidemarie Weng gibt es zwei wichtige Resilienzfaktoren: Selbstliebe und Selbstfürsorge. Aber ist das nicht total egoistisch?

Die Lieblingsfrage meiner Freundin finde ich wunderbar: „Wer ist der wichtigste Mensch in deinem Leben?“ Viele antworten darauf wie aus der Pistole geschossen „Meine Kinder“ oder „Mein Partner“ oder „mein Hund“. Aber: Der wichtigste Mensch in deinem Leben, das bist DU.

Wir alle kennen das: Wir arbeiten, wir kümmern uns um Wohnung, Haus, Kind, Partner*in, Hund, Eltern, den Verein, Job, Geschäftspartner*in, Netzwerke. Und ganz am Ende kommen wir, aber dafür – für uns – haben wir dann meist keine Energie mehr. Tank leer. Natürlich ist es toll, dass wir anderen helfen und uns kümmern. Die Fürsorge für andere darf aber nicht zur Ausbeutung von uns selbst führen. Es ist wie im Flieger: Bevor du anderen hilfst, setzt du zuerst dir selbst die Sauerstoffmaske auf. Erst wenn es dir gut geht, bist du in der Lage, anderen zu helfen.

Ist das Egoismus?

Selbstliebe und Selbstfürsorge werden leider immer noch oft mit Egoismus gleichgesetzt. Selbstfürsorge heißt nicht unbedingt, dass wir alles stehen und liegen lassen und uns plötzlich nur noch um uns selbst kümmern. Es kann aber durchaus sein, dass das von unserem Umfeld so wahrgenommen wird. Das Warum ist ganz einfach zu erklären: Wenn ich mich mehr um mich selbst kümmere, fällt meinem Umfeld und den Menschen darin zunächst Aufmerksamkeit weg, was durchaus zu Verstimmungen führen kann. Sollte es dann auch noch so sein, dass mein Umfeld mehr tun und Verantwortung für sich selbst übernehmen muss – tja, das ist dann wirklich ein handfestes Problem (zumindest für mein Umfeld).

Dennoch ist gerade unsere Selbstfürsorge für uns enorm wichtig. Sie hält uns körperlich und psychisch gesund und ist etwas, um das wir uns kontinuierlich kümmern sollten. Aber wie machen wir das? Hier ein paar Anregungen:

Die eigenen Schwächen akzeptieren lernen

Wir selbst sind unsere härtesten Kritiker*innen. Die Erwartungen und Anforderungen an uns haben wir hochgeschraubt und von perfekt, erfolgreich, liebenswert, sexy, herzlich, stark wären wir am liebsten alles gleichzeitig und ständig. Leider ist das auf der Gebrauchsanweisung des Menschseins so nicht vorgesehen.

Unsere Schatten sind das, was wir nicht so gerne anschauen, die aber genauso zu uns gehören wie die vermeintlich positiveren Seiten. Wir dürfen genauso unperfekt, scheiternd, zurückgezogen, verletzlich und schwach sein, denn das ist jeder von uns auf irgendeine Art und Weise. Unsere Schwächen sind sogar das, was uns in den Augen der anderen oft besonders menschlich und sympathisch macht. Wenn wir lernen, unsere eigenen Schwächen mehr und mehr zu akzeptieren, fühlen wir uns insgesamt wohler mit uns selbst und können Kritik besser wegstecken.

Auf die eigenen Bedürfnisse und die Intuition hören

Manchmal ist unser Leben so laut, dass wir sie nicht hören können – unsere Intuition. Fremdgesteuert funktionieren wir in unseren Rollen in der Familie, im Job, in der Partnerschaft. Aber was davon sind unsere eigenen Bedürfnisse und was tun wir aus Gewohnheit oder weil es eben so sein „muss“?

Wichtig für eine gesunde Selbstliebe und Selbstfürsorge ist es, sich selbst und seine Bedürfnisse besser kennen zu lernen. Das heißt nicht, auf einen Schlag alles zu hinterfragen. Eine achtsame Reflektion von stressauslösenden Situationen kann aber Wege öffnen, die eigenen Bedürfnisse wieder mehr zu spüren. Der Körper ist dabei ein guter Indikator. Man kann sich zum Beispiel folgende Fragen stellen: „Wie fühle ich mich jetzt gerade? Fühle ich mich unter Druck? Oder macht mich das wütend? Wo im Körper spüre ich dieses Gefühl? Und welche Gedanken tauchen dabei vielleicht immer wieder auf? Was möchte ich stattdessen?“ Wenn ich solche Muster an mir selbst erkenne, kann ich Schritt für Schritt etwas daran ändern.

Achtsam atmen

Das intuitive Spüren gelingt sehr gut mit der achtsamen Konzentration auf den Atem. Eine meiner Atemübungen: Ich sauge die Luft tief durch meine Nase ein und schaue, wo ich ein Stocken spüre, zum Beispiel im Hals, in der Brust oder im Bauch. Genau an diese Stelle atme ich jetzt bewusst und stelle mir vor, die Luft wäre voller Partikel, die diese Blockade in mir auflösen. Mit dem Ausatmen befördere ich diese Teilchen meiner Blockade mit der Luft nach draußen. Bereits nach ein paar Atemzügen fühlt es sich leichter an und der Körper kommt mehr zur Ruhe.

Den Atem nutze ich auch, um mir positive Gefühle bewusst zu machen und im Körper zu verankern. Fühle ich mich glücklich oder dankbar, atme ich dieses Gefühl mehrmals tief ein und verteile es in meinem ganzen Körper. Das gibt mir Power und Vertrauen in mich selbst.

An nicht hilfreichen Glaubenssätzen arbeiten

Oft spüren wir zwar intuitiv, was wir jetzt brauchen oder was uns in einer Situation gut täte, wir handeln aber nicht danach, weil uns Glaubenssätze daran hindern. Glaubenssätze sind Einstellungen, die wir durch Erfahrungen und Prägungen in unserem Leben für uns gelernt haben, zum Beispiel durch Eltern, Lehrer oder Erlebnisse, die großen Einfluss auf unsere persönliche Entwicklung hatten. Ein Beispiel: Wir brauchen dringend eine Pause, doch in uns leuchtet aber der Glaubenssatz „Wer sich hinsetzt, der ist faul“ wie ein Reklameschild auf. Natürlich werden wir uns nicht guten Gewissens hinsetzen und die Füße hochlegen können. Wird uns aber ein solcher Glaubenssatz bewusst, können wir ihn auf Plausibilität prüfen. Sind wir wirklich faul, wenn wir uns zehn Minuten Ruhe gönnen und die Füße hochlegen? Oder sind wir in der Lage zu erkennen, dass der kurze Break wieder unsere Kräfte mobilisiert? Die Arbeit an nicht hilfreichen Glaubenssätzen ist tiefgreifend und mitunter sehr anstrengend, belohnt uns aber mit immer mehr Freiheit im Denken und Tun.

Kraft tanken in der Natur

Wir alle sind ein Teil der Natur, das ist uns oft gar nicht mehr bewusst. Schwer zu glauben, aber tatsächlich sind wir mit der Natur näher verwandt als mit unseren Smartphones. In der Natur kommen wir zur Ruhe, ohne etwas dafür tun oder geben zu müssen. Wir können uns fallen lassen, uns in kräftigen Grüntönen des Waldes bewegen oder uns im Anblick eines Bergpanoramas oder Sonnenuntergangs verlieren. Wir atmen die frische Luft, spüren den lauen oder kräftigen Wind und warme Sonnenstrahlen auf unserer Haut. So tankt unser Körper ganz von selbst Energie und wir fühlen uns wieder kraftvoller und positiver.

Musik und Tanz sind Balsam für die Seele

Wann hast du das letzte Mal im Auto oder über den Kopfhörer deine Lieblingsmusik gehört mit der Lautstärke am Anschlag, vielleicht sogar mitgesungen? Oder ausgelassen getanzt? Die Gelegenheiten zum Tanz werden über die Jahre weniger und alleine zuhause tanzen ist komisch und niemand tut’s – oder doch? Tatsächlich kommt man sich anfangs ein wenig seltsam vor und fühlt sich (und das ist noch seltsamer) beobachtet. Bis man bemerkt, dass man sich selbst beobachtet und beurteilt („ich sehe jetzt bestimmt total doof aus“, „ich kann gar nicht tanzen“, „hoffentlich erwischt mich niemand“). Mir zumindest macht es in Gesellschaft mehr Spaß. Doch mit Kopfhörern zu meiner Lieblingsmusik zu tanzen ist inzwischen einer meiner favourite Gute-Laune-Booster. Morgendliches tanzen bringt den Körper in Schwung und geht auch mit Kindern oder nachts auf dem Balkon unterm Sternenhimmel.

Selbstfürsorge im Alltag

Mit kurzen Auszeiten im Alltag können wir in wenigen Augenblicken zur Ruhe kommen und durchatmen. Auch wenn es nicht so scheint, es ist wissenschaftlich erwiesen, dass kurze Ruhepausen sehr viel bewirken und Körper und Geist danach wieder leistungsfähiger sind. Kann sein, dass ich mich auf einen Espresso in ein Café setze, während ich für Besorgungen unterwegs bin. Oder ich lese in der Mittagspause ein paar Seiten eines guten Buches, das lenkt mich ab und bringt mich auf andere Gedanken. Oder ich höre einen Podcast oder ein Hörbuch auf dem Heimweg von der Arbeit, auch das hilft beim Abschalten und ich komme entspannter zuhause an.

Was es auch ist, wir dürfen uns erlauben, das zu tun was uns gut tut und für uns selbst zu sorgen. Wir dürfen uns genau so lieben, wie wir sind. Denn der wichtigste Mensch in deinem Leben, das bist DU.

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Über die Autorin

Heidemarie Weng

Von Literaturwissenschaft und Philosophie führte ihr Weg über Public Relations und Marketing in die Finanzbranche. Als langjährige Führungskraft sammelte Heidemarie Weng viel Wissen und Erfahrung für ihre jetzige Tätigkeit als Personal Coach und Business Trainer. In Unternehmen begleitet sie Mitarbeiter*innen und Führungskräfte dabei, ihre Kommunikation wertschätzend und erfolgreich zu gestalten, der Förderung der Resilienz und der Burnout-Prävention. Als strategische Markenberaterin unterstützt sie Selbständige und Gründer*innen bei der Entwicklung und Schärfung ihres Markenprofils. Hier geht’s zur Webseite von Heidemarie Weng.