Homeschooling in der Coronakrise: Liebe Lehrenden, runter vom Gas

Auf Facebook schreiben Mütter sich die Not von der Seele. Neben Coronakrise, Homeoffice und Schulschließung muss nämlich auch noch mit den Kids Schopenhauers Theorien, Vektorfunktionen, Gerund und if-Sätzen gelernt werden. Vielen steigen die Schulanforderungen über den Kopf. Wir ermuntern zum Aufstand.

Eine Freundin schrieb gerade einen Notruf auf Facebook: „Liebe Lehrerinnen, liebe Lehrer! Bitte runter vom Gas. Und bitte überlegt noch mal den Unterschied zwischen Distance Learning und Homeschooling! Liebe Grüße Eine Homeoffice Working Mom“.

In Woche 1 nach Schulschließung werden unsere Kinder mit Schulaufgaben nur so bombardiert. „Same here, plage mich mit Schopenhauers Theorien, Vektorfunktionen, Gerund, if-Sätzen und gleichzeitig Homeoffice herum...“, antwortet eine Mutter auf den Post. Offenbar gehen die Schulen davon aus, dass die Mütter (und Väter) Zuhause hauptberuflich beim Lernstoff helfen könnten. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus.

Einige Mütter kämpfen schlichtweg um ihr Business. Jobs sind weggebrochen, Aufträge storniert oder verschoben worden. Das über Jahre solide aufgebaute Business ist Makulatur. Andere sind im Homeoffice und müssen ihren eigenen Workload schaffen. Wiederum andere sind gekündigt oder auf Kurzarbeit gesetzt worden. Gemeinhin könnte man jetzt denken: Die haben jetzt Zeit. Aber die Nerven liegen blank, Anträge müssen ausgefüllt, die Finanzkrise überwunden werden. Und nicht zu vergessen, diejenigen in systemrelevanten Berufen. Eine Krankenschwester hat nach der Krisen-Schicht mit Mundschutz, durch den sie kaum Luft bekommt, garantiert keine Nerven mehr, ihr Kind beim Lernen zu unterstützen.

Liebe Lehrer*innen, nein, die Eltern können gerade nicht euren Job übernehmen!

Der Schulstoff muss umgesetzt werden – koste es, was es wolle.

Für das Vermitteln von Wissen sind in der Corona-Krise nicht die Schulen zuständig, sondern plötzlich die Mütter und Väter. Klar sind wir Frauen großartig darin, die Kuh vom Eis zu holen, aber Achtung. Hier findet gerade eine Verschiebung der Verantwortung statt, die nicht okay ist.

Zum einen sind (die allermeisten) Mütter keine Lehrerinnen. Natürlich kann ich lesen, rechnen und schreiben, doch wie vermittel ich dieses Wissen an mein Grundschulkind? Wie geht Lehren eigentlich? Es gibt ja einen Grund, warum Lehrer*in ein Ausbildungsberuf ist. Deshalb tun sich zum anderen die Lehrenden gerade keinen Gefallen. Es ist doch auch eine Herabwürdigung ihres Berufsstands, wenn jetzt davon ausgegangen wird, dass ein Zettel reicht, um Wissen zu vermitteln?

Vergiftete Aufgabe

Aber zurück zur Verantwortung. Wir Eltern sind gut darin beraten, diese vergiftete Aufgabe nicht anzunehmen und sie brav und folgsam umzusetzen. Natürlich wollen wir, dass unser Kind gut in der Schule ist und tolle Noten schreibt. Doch auch in der Corona-Krise liegt diese Aufgabe bei den Schulen. Indem wir ihren Job der Wissensvermittlung und des Lehrens übernehmen, entlassen wir sie aus ihrer Verantwortung.

Was würde passieren, wenn wir sagen würden: Sorry, liebe Schule, das ist nicht machbar!!! Dann schießen wir den Ball wieder zurück in ihr Feld und dann müssen die Schulbehörden dementsprechend reagieren.

Schule ab ins digitale 21. Jahrhundert

Gerade werden deutsche Unternehmen ins digitale 21. Jahrhundert geschossen. Und zwar in Lichtgeschwindigkeit. Homeoffice, Remote Work, Digitale Konferenzräume, etc. alles, was seit Jahren nicht machbar schien, ist plötzlich allerorts Realität geworden. Geld wurde mobilisiert für Laptops, Ladekabel und Software, damit alle weiterarbeiten können. Warum soll das bei Schulen nicht auch gehen? Deutschland digitalisiert sich gerade – da dürfen die Schulen ruhig mitziehen.

Wenn wir Mütter jedoch jetzt die Verantwortung fürs Lehren übernehmen, behalten wir den Ball in unserem Feld. Dann gibt es keine digitale Schule, sondern bei Wiederaufnahme des Unterrichts, stattdessen Unzufriedenheit seitens der Lehrer*innen, weil die Schüler*innen den Lehrstoff nicht ausreichend beherrschen, Test werden versemmelt und Mütter sind fix und foxi und nach dem Spagat zwischen Kind, Karriere, Küche und Lehren mit den Nerven am Ende.

Bitte rapportieren sie – nicht!

„Die Schule meiner Tochter macht einen richtigen Management-Plan auf, da würde jeder Erwachsene seine Hände heben und schreien: overload“, sagt eine Mutter am Telefon. „Wir sollen nach einer Woche einen Rapport erstellen: Was hat das Kind, an welchem Tag, wie lange gelernt. Das ist doch Irrsinn“, sagt sie. „Ich werde da nicht mitmachen“, ergänzt sie empört.

Denn dem Kind gehts nicht gut damit

„Unser Kind ist mit dem Virus und der Krise auch beschäftigt“, erzählt die Mutter weiter. „Mein Kind sagt: ‚Warum muss ich in Heften arbeiten, wenn ich noch gar nicht verstanden habe, was gerade in der Welt passiert’.“

Also runter vom Gas, liebe Lehrer*innen

Prüfungen können ausfallen oder andere Lösungen gefunden werden. Deutschland ist im Ausnahmezustand, da muss auch auf Schulseite Neues möglich sein. Kein Kind verblödet, nur weil es mal nicht den vorgegebenen Lehrstoff paukt. Lasst uns lieber realistisch bleiben, lebensnahe Projekte verwirklichen oder so lange Druck auf die Behörden ausüben, bis eine digitale Schule Realitiät ist.

Beste Grüße aus dem Homeoffice

Tina

Tina Molin
Denise Siegel
Tina Molin ist Mitgründerin und Chefredakteurin von OW up!

Über die Autorin

Tina Molin

Arbeitet seit über 20 Jahren als Journalistin und hat sich schon mit vielen spannenden Themen beschäftigt. 1996 schrieb sie in Hamburg bereits über Techno, Tracks und DJs. Ab 2000 verfolgte sie für PRINZ das pulsierende Berliner Nachtleben. Später interviewte sie für BUNTE Prominente von Hugh Jackman bis Lady Gaga. Dann wurde sie Mutter – und plötzlich war die Lust weg. Daraus folgte der Blog Happy Vagina und das Interesse für weibliche Sexualität. Als Gründerin und Chefredakteurin von OW up! möchte sie Frauen inspirieren und motivieren, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen.