Yang-Kultur: „Der Sex verkommt zur Leistungsschau“

Für Paar-Therapeut Volker Schmidt leben wir in einer „Yang-Kultur“: zielorientiert, schnell, leistungsbereit. Im zweiten Teil unseres Interviews erklärt der Sexberater, welche negativen Auswirkungen eben dieses Verständnis auf unsere Sexualität und unser erotisches Miteinander haben können. Denn vielen Frauen fehlt der Raum für Hingabe, Loslassen, Fühlen und Führen lassen.

Lieber Volker, wie ein Verständnis von „Yin“ und „Yang“ dazu führen kann, dass wir auf eine neue, liebevollere Weise mit uns selbst, miteinander und mit der Welt umzugehen lernen, erzählst Du im ersten Teil dieses Interviews. Jetzt wollen wir mehr über die Auswirkungen im Schlafzimmer wissen? Dominiert das Yang unsere Sexualität und Erotik?

In vielen Köpfen leider ja. Wir haben gelernt, die ganze Welt aus der Perspektive von „richtig oder falsch“ und „gewinnen oder verlieren“ heraus zu betrachten. Also betrachten wir auch unsere sexuellen Erfahrungen mit derselben Brille. Es geht darum, zu „performen“, „es zu bringen“, am allerliebsten „der oder die Beste“ zu sein. Übrigens nicht nur in einer, sondern gleich diversen Kategorien wie Aussehen, Körperbau, Leistungsfähigkeit, Gelenkigkeit, Durchhaltevermögen, Kreativität und eben Sexualität! Viele Menschen haben beim Sex ständig subtil den Gedanken im Hinterkopf, vom Anderen geprüft, vermessen und be- oder gar verurteilt zu werden. Der Sex verkommt dadurch zur Leistungsschau. Kein Wunder, dass vielen dabei auf Dauer die Lust verloren geht. Insbesondere Frauen übrigens.

Warum insbesondere Frauen?

Weil die meisten Frauen, meiner Kenntnis nach, in ihrer Sexualität eher Yin sind. Sie wollen nicht Ziele verfolgen, sich messen oder sagen, wo's langgeht. Sondern verführt oder erobert werden, sich hingeben und mit weit offenen Sinnen das Leben in seiner ganzen Tiefe und Fülle aufsaugen und empfinden. Das sind die Kernqualitäten von Yin. Von diesen Dingen versteht Yang nicht viel. Nun leben die heutigen Frauen aber in einer Welt, die rein auf Yang-Qualitäten setzt. So sehr übrigens, dass selbst der Feminismus, der angetreten war, die Frauen unserer Welt zu befreien, diese dazu auffordert, ihr Leben straight, tough und zielorientiert zu leben, stets unabhängig zu bleiben und sich zu nehmen, wonach ihnen ist.

Was hast Du dagegen?

Im Grunde überhaupt nichts. All dies sind ganz wundervolle Eigenschaften, an Männern ebenso wie an Frauen. Sie haben unserer Welt nicht nur Leid, sondern sehr viel Gutes gebracht. Interessanterweise aber haben all diese Werte eine ganz subtile, in meinen Augen aber entscheidende Gemeinsamkeit.

Sie sind alle irgendwie eher Yang...?

Genau. Sie alle entsprechen dem Weltbild und Wertesystem des Yang-Denkens. Diese Art zu denken ist großartig, um ein Team zu führen, um technische oder wissenschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, ja sogar beim Einkaufen ist das Yang-Denken um Längen hilfreicher als das Yin. Was Yang jedoch beim besten Willen nicht kann, denn dazu ist es nicht ausgelegt, ist das Leben oder den Augenblick in seiner ganzen Tiefe spüren und genießen. Darin allerdings ist Yin total gut.

Wenn das so ist, dann müssten Frauen den Sex viel mehr genießen als Männer, oder nicht? Für viele Frauen aber ist doch genau dies das Problem: Nach einem Tag im Job, ständig straight und tough, fällt es ihnen schwer, abends beim Sex den Kopf abzuschalten, sich fallenzulassen und hinzugeben.

Ich weiß um dieses Phänomen. Das ist aber kein Hinweis darauf, dass diese Frauen zu Hingabe und Genuss nicht in der Lage wären. Tatsächlich glaube ich, dass das Yin in ihnen (und uns allen) nichts lieber tut als das. Yin liebt es, sich der liebevollen Führung eines klaren und kraftvollen Yang sexuell blind und bedingungslos hinzugeben. Nun sind Yang und Yin als polare Kräfte in uns allen angelegt. In vielen Frauen ist das Yin viel stärker als das Yang. Dieses Yin aber hat in der Kultur, in der die allermeisten Frauen wie Männer erzogen wurden, sagen wir mal „nicht gerade einen Ehrenplatz“. Yin ist mitfühlend, also weichherzig. Yin ist impulsiv, also unkontrollierbar. Yin ist verspielt, also unproduktiv. Yin ist folgend, also beliebig benutzbar. Alles, was Yin ausmacht, ist in unserer Kultur direkt oder über Bande negativ konnotiert. Ist es da ein Wunder, dass Frauen ebenso wie Männer davon überzeugt sind, diese energetische Kraft in sich unterdrücken und verbergen zu müssen? Frauen wie Männer leiden gleichermaßen unter dieser kruden Sicht auf die Welt. Frauen indes leiden tendenziell mehr, denn die meisten Frauen sind halt viel mehr Yin als Yang.

Wie können wir lernen, wieder zu genießen? Insbesondere, wenn wir den ganzen Tag über ziemlich im Yang unterwegs waren?

Zunächst einmal, indem wir erkennen, dass die Rollen, die wir auf der Arbeit, aber auch in unsere Familie und anderen sozialen Kreisen spielen, eben nur dies sind: Rollen, die wir spielen oder einnehmen. Je bewusster wir in diese Rollen, Funktionen oder Persönlichkeiten ein- und wieder aussteigen, desto leichter fällt es uns, zu erkennen, was wir selbst und andere Menschen über diese Rollen, Funktionen oder Persönlichkeiten hinaus noch alles sind. Wer wirklich in den Spiegel schaut, sieht dort halt eben nicht nur die clevere Karrierefrau, sondern häufig auch noch illustre andere Gestalten: eine Prinzessin, eine Piratin, ein zartes Mädchen mit glitzerndem Zauberstab oder auch ein wildes, niemals gezähmtes Tier. Wenn wir aufhören, uns mit unseren Masken zu identifizieren, beginnen wir zu entdecken, wie vielfältig und vielschichtig wir wirklich sind.

Da gehe ich voll mit. Gibt es noch mehr?

Wir sollten damit beginnen, wirklich ehrlich mit uns selbst zu sein. Es ist furchtbar, wie oft uns unsere verqueren Selbstkonzepte dabei in die Quere kommen, das Leben, die Liebe oder unsere sexuelle Lust wirklich zu genießen. Ich kenne persönlich eine Reihe von Frauen, ausnahmslos intelligent, willensstark und häufig beruflich sehr erfolgreich, die mir gegenüber offen zugaben, dass es sie auf eine animalische Weise erregt, wenn ihr Partner (m/w/d) sie fesselt, ihnen weh tut oder ihnen sagt, was sie zu tun hätten. Sie alle berichteten mir ebenfalls, dass es eine ganze Weile – und oft mehrere Beziehungen – gedauert hatte, bis sie sich diese Erregung auch eingestanden. Zu tief saß der Gedanke, dass derartige Gedanken im Kopf einer emanzipierten Frau nichts zu suchen hätten. Ebenso unterdrücken unzählige Männer wie Frauen ihre homoerotischen Gedanken, weil sie Angst haben, sie könnten dadurch schwul oder lesbisch werden. Dabei sind sie schlicht und einfach bi. Lösen wir uns vom Ballast unserer unreflektiert übernommenen Selbstkonzepte und spüren wir hin, was in uns wahr und wirklich ist. Keiner und keine von uns hat in der Hand, was ihn oder sie erregt. Wir haben nur in der Hand, was wir aus diesem Wissen machen.

Wie genau hilft dies Frauen dabei, sich abends beim Sex mit ihrem Mann wieder wirklich fallenzulassen?

Es hilft ihr möglicherweise, indem sie erkennt, dass Hingabe kein Fach ist, in dem sie geprüft wird, sondern eine Wahl, die sie selbstbewusst und selbstbestimmt für sich treffen kann, um dadurch Dinge zu erleben, von denen sie erfahren hat, dass sie ihr gut tun. Wir können Hingabe jedoch nicht bewusst erzeugen. Das ist so wie mit dem Einschlafen. Je stärker der Wille ist, einzuschlafen, desto länger bleiben wir wach. Wir können und nur erlauben, einzuschlafen oder uns in der Lust hinzugeben. Dieses „es darf sein und geschehen“ ist durch und durch Yin. Wenn Frauen dieses Yin in sich wirklich annehmen und lieben, dann wird es eine Freude sein, sich in den Strudel dieser Kraft hineinfallen zu lassen. Solange Frauen sich jedoch ausschließlich mit ihrer klaren, straighten und stets autonomen Yang-Seite identifizieren, wird das wahrscheinlich schwierig sein. Ganz so einfach, wie das hier klingt, ist dies allerdings höchstwahrscheinlich nicht, denn schließlich spielen in dieser Sache nicht nur Frauen und ihr Selbstverständnis eine Rolle, sondern auch Männer. Frauen sind ja schließlich nicht das einzige verkorkste Geschlecht in unserem Land (lacht).

Was meinst Du genau?

Ich meine Folgendes: Wir Männer, zumindest die Yang-Männer von uns, hatten den Vorteil, in einer Welt aufzuwachsen, deren Denken im Grunde dem unseren entspricht. Das machte es weitaus leichter, uns in dieser Welt zu orientieren und irgendwie „richtig“ zu fühlen. Allerdings wurde auch uns „Männlichkeit“ bzw. „Yang“ in einer Weise vorgelebt, die uns suggerierte, dass wir uns durchsetzen müssten, unsere Schwächen und Verletzlichkeiten zu verbergen hätten und uns ständig als der Größte, Beste und Schlauste aufzuspielen.

Stichwort „toxische Männlichkeit“?

In meinen Worten ausgedrückt: „toxisches Yang“. Und ja, diese Art von Yang ist toxisch, und zwar an Männern wie an Frauen gleichermaßen. Dies ist die eine, die medial sehr stark beachtete Form irregeleiteter Männlichkeit, die wir heute finden. Und ja, in der Tat, ich finde sie furchtbar, und ich weiß, ich bin bei Weitem nicht der einzige Mann, der es bei derartigen Verhaltensauffälligkeiten seiner Geschlechtsgenossen unwillkürlich mit heftiger Fremdscham zu tun bekommt. Weniger beachtet, aber ebenso vergiftet, ist allerdings eine zweite Form der Männlichkeit.

Und die wäre?

Ebenso wie unzählige Frauen gelernt haben, alles Yin als schwächlich und minderwertig abzuurteilen, haben viele der heute erwachsenen Männer irgendwann einmal verinnerlicht, dass all das, was in ihnen Yang ist, ursächlich verantwortlich ist für all das Leid der Welt. Sie trauen sich nicht, die Führung zu übernehmen, weil in ihrer Prägung Dominanz und Entschiedenheit immer auftraten in Form von Unterdrückung und emotionaler Kälte. Ihre Väter waren oft gebrochene Männer, die unbeholfen versuchten, ihre Selbstzweifel und ihr inneres Leid durch Härte und Starrsinn zu übertünchen. Solche Väter waren nicht nur ihren Töchtern ein Graus. Auch ihre Söhne schworen sich in großer Zahl: „Niemals werde ich so wie er!“

Aber das ist doch gut!

Einerseits ja. Ohne Zweifel. Andererseits aber lernten diese Männer, alles, was Yang in ihnen war, abzulehnen und zu unterdrücken. Diese Männer sind das Spiegelbild jener Frauen, die die Hingabe verlernten. Sie sind immer verständnisvoll, immer mitfühlend, immer zum Gespräch bereit. Soweit noch kein Problem. Gleichzeitig aber sind sie niemals dominant, machen niemals klare Ansagen und bieten ihren Frauen niemals entschlossen die Stirn. Weil sie bereits in der Kindheit an den Eltern lernten, dass männliche Autorität oder Dominanz in jeglicher Form schädlich und böse ist. Solche Männer sind zumeist ganz zauberhafte Väter und ihren Frauen Partner in vielerlei Hinsicht eine Hilfe. Sie strahlen nur leider keinerlei Yang aus. Das Yin in der Frau fragt in solchen Fällen ganz zu Recht: „Wem hier sollte ich mich denn hingeben?! Hier ist niemand, der meine Kraft halten kann!“.

Ein Dilemma!

In der Tat. Sexuelle Spannung braucht die Polarität von Yang und Yin. Dabei ist es egal, wer im Raum gerade die eine und wer die andere Polarität repräsentiert. Haben wir dies verstanden, können wir beginnen, mit diesem Wissen und mit diesen Energien zu spielen. Dann nämlich können wir uns bewusst entscheiden, den einen oder den anderen Teil dieser Polarität einzunehmen. Wir können bewusst und entschieden führen. Oder bewusst und entschieden folgen. Wir können all unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, unsere*n Partner*in zu beschenken. Oder darauf, uns von ihm oder ihr beschenken zu lassen und mit Leib und Seele zu genießen. Diese Bewusstheit und Entschiedenheit öffnet ein Tor in unserer Sexualität, hinter dem nicht nur ein weiterer Raum liegt, sondern gleich ein ganzer Kontinent. Von da an wird unsere Sexualität fortschreitend weniger beeinflusst von jener Stimme in uns, die sagt: „So bin ich halt!“ und stattdessen immer mehr von jener, die frech schmunzelnd fragt: „Wie möchte ich heute gerne sein?“

Von dieser Art des spielerischen Umgangs sind viele Frauen wie Männer bis heute weit entfernt.

Genau darum sind wir beim Thema „sexuelle Befreiung“ auch noch lange nicht am Ziel angelangt. Mir scheint, wir haben noch einen weiten Weg vor uns, bis wir die Sexualität in unserem Leben wirklich als die erfüllende und nährende Urkraft erkennen und feiern, die sie ist – oder aber doch zumindest sein könnte.

So viel zum bedauernswerten Status Quo. Wie nun kommen wir da raus?

Ich würde Paaren dazu einladen, in ihrem Umgang miteinander spielerisch Elemente des Führens und Folgens auszuprobieren. Und hinzuspüren, was sich dadurch verändert. Wenn Frauen darin gehemmt sind, sich nicht voll und ganz hinzugeben, dann liegt das höchstwahrscheinlich daran, dass sie bislang nicht die Erfahrung gemacht hat, sich seiner Führung auch bedenkenlos hingeben zu können. Möglicherweise also ist der Widerstand, den sie verspüren, ganz verständlich, ja sogar natürlich und gesund. Ich würde Paare dazu einladen, ganz bewusst mit der Polarität von Yin und Yang zu spielen. Um auf diese Weise möglicherweise einander – und auch sich selbst – auf neue Weise zu erfahren.

Miteinander zu spielen klingt auf jeden Fall viel verlockender, als an seiner Beziehung oder Sexualität arbeiten zu müssen.

Viele Männer würden ihren Frauen ja gerne der Fels in der Brandung sein, derjenige, der ihnen Halt gibt und sie führt. Leider aber haben sie nie gelernt, wie das geht. Ihre Väter waren schließlich grauenvolle Vorbilder, und die meisten Frauen in ihrem Leben in dieser Hinsicht eher Gegner als Verbündete. Ganz zwangsläufig scheiterten sie mit ihren unbeholfenen Versuchen am Yin der Frauen. Das nämlich hält Ausschau nach echter und integrer Führungsstärke, einschließlich der damit verbundenen emotionalen Kompetenz – und reagiert von daher nachvollziehbarerweise eher patzig auf den Eindruck eines kleinen Jungen, der den großen Mann mimt. Vielleicht können sich die zwei ja gegenseitig dabei unterstützen, alte Rollenmuster oder Selbstkonzepte abzustreifen und herauszufinden, was ihnen wirklich Spaß macht und gut tut.

Du meinst, im Sinne eines „fake it, till you make it“?

Ganz genau. Im Grunde haben wir ja auch kaum eine andere Option. Wie hilfreich könnte es sein, wenn wir unsere*n Liebespartner*in in unserer sexuellen Entwicklung als Spielgefährt*in, Sparringspartn*ir und Kompliz*in nutzen dürften? Wäre das nicht ein Geschenk?

Das wäre es! Ich danke dir, Volker, für dieses Gespräch!

Die Freude, liebe Tina, war ganz meinerseits!

Tina Molin
Denise Siegel
Tina Molin ist Mitgründerin und Chefredakteurin von OW up!

Über die Autorin

Tina Molin

Arbeitet seit über 20 Jahren als Journalistin und hat sich schon mit vielen spannenden Themen beschäftigt. 1996 schrieb sie in Hamburg bereits über Techno, Tracks und DJs. Ab 2000 verfolgte sie für PRINZ das pulsierende Berliner Nachtleben. Später interviewte sie für BUNTE Prominente von Hugh Jackman bis Lady Gaga. Dann wurde sie Mutter – und plötzlich war die Lust weg. Daraus folgte der Blog Happy Vagina und das Interesse für weibliche Sexualität. Als Gründerin und Chefredakteurin von OW up! möchte sie Frauen inspirieren und motivieren, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen.