Warum die Kindheit den Umgang mit Geld bestimmt

Gisela Enders ist Reichtumscoach. Sie findet, dass wir viel mehr über Geld nachdenken müssen. Damit wir unser erlerntes Geldverhalten aus unserer Kindheit korrigieren können, stellt sie diesmal sehr viele Fragen zum Thema Kindheit, Schule, Teenagerzeit, Ausbildung und Geld, um schädlichen Geld-Glaubenssätzen auf die Schliche zu kommen.

Du hast mit Geld schon viele Erlebnisse gehabt. In deiner Kindheit und selbstverständlich auch später. Dabei haben die Erlebnisse in der Kindheit eine besondere Bedeutung. Aus zwei verschiedenen Gründen. Als Kind bist du besonders sensibel für Emotionen. Du wirst sie nicht immer verstanden, aber immer gespürt haben. Wenn es also zwischen deinen Eltern Spannungen gab, die sich am Mangel oder an der Aufteilung des Geldes festgemacht haben, dann wirst du dies gespürt haben. Auch wenn sie tolle Eltern waren und nicht direkt vor dir argumentiert oder gar gestritten haben, die Energie wirst du gespürt haben. Vielleicht fiel auch die eine oder andere abwertende Bemerkung oder es wurde wirklich lautstark gestritten. In jedem Fall hast du Geld mit bestimmten Emotionen verknüpft.

Wie hast du Geld als Kind wahrgenommen?

Du hast Geld auch als ein wichtiges Moment in deinem eigenen kindlichen Leben kennengelernt. Als Baby und Kleinkind spielte Geld keine Rolle. Du hast dich bemerkbar gemacht und dann in der Regel das bekommen, was du gerade gebraucht hast. Ob das nun die Brust, der Brei oder ein Spielzeug war. Manchmal musstest du warten, aber Geld hat eindeutig keine Rolle gespielt. Geld kam möglicherweise das erste Mal ins Spiel, als du im Supermarkt den erreichbaren Keks mit der bunten Verpackung greifen konntest und du diesen eben nicht gleich haben konntest, sondern es zu einer Zeitverzögerung kam, weil er erst gekauft werden musste. Oder er dir mit den Worten: Der ist zu teuer, gleich ganz versagt wurde. Diese frühen kindlichen Erfahrungen können sehr prägend gewesen sein.

In meinem heutigen Beitrag geht es darum, die Botschaften und Emotionen aus deiner Kindheit aufzuspüren. Im zweiten Schritt auch aufzuschreiben. Letzteres ist wichtig, da du nur so mit deinen Erinnerungen effektiv weiterarbeiten kannst. Deshalb lege dir gerne ein Blatt Papier bereit und notiere dir alle Erinnerungen und Gedanken, die dir kommen, wenn du den weiteren Text liest.

Wie sind deine Eltern mit Geld umgegangen?

Kinder orientieren sich an Erwachsenen. Besonders an ihren Bezugspersonen. Das sind nicht nur die Eltern, auch Großeltern, Lehrer und Lehrerinnen. Ja sogar Nachbarn können eine wichtige Rolle im Leben des Kindes spielen. Ob mit bewussten Worten, mit Nebensätzen oder auch mit Handlungen: Kinder nehmen Botschaften auf, die ihnen helfen, sich in dieser Welt zu orientieren. Dabei sind Kinder logischerweise noch ein unbeschriebenes Blatt. Sie können noch nicht differenzieren, also beispielsweise Gegenbeispiele für eine These suchen, um dann eine Aussage zu diskutieren oder auch infrage zu stellen. Sie nehmen erstmal alles auf. Als Wahrheit! Deshalb ist es für dich wichtig, nochmals einen Blick in deine Kindheit zu werfen. Dich nochmal in die Zeit zurückzuversetzen, als du im Kindergarten oder in der Grundschule warst. Wie sind deine Eltern damals mit Geld umgegangen? Gab es immer genug oder hast du Geld als Mangelware wahrgenommen? Wurde über Geld gestritten? Wer hatte die Hoheit über das Geld? Wurde überhaupt über Geld geredet? Und wenn nicht geredet wurde, kannst du ein Gefühl spüren – also ob da eher Spannungen in Bezug auf Geld war oder ob es einfach gar kein Thema war, weil es immer da war und es deshalb nicht notwendig war, darüber zu reden oder negative Emotionen zu haben?

Wann hast du das erste Mal Taschengeld bekommen und was hast du damit gemacht?

Hast du dir gleich eine Kleinigkeit gekauft? Oder es in deine Spardose getan? Wenn es bei euch kein Taschengeld gab, wie hat es sich angefühlt, wenn andere Kinder über ihr Taschengeld geredet haben? Solltest du dich an das erste Taschengeld nicht mehr erinnern, schau auf deine gesamte Kindheit. Wie bist du mit deinem eigenen Geld umgegangen? War immer genug da oder war es immer gleich weg? Gab es Unterschiede zu deinen Geschwistern oder Freunden? Und mit welchen Gefühlen hast du Geld verknüpft.

Hier ein Beispiel aus der Praxis: Peter, ein Zwilling, erzählte mir bei einem Geldabend, dass er immer mehr Geld hatte als sein Zwillingsbruder. Der hat ihn immer angepumpt. Wir erforschen die damit verbundenen Gefühle und er nennt nach einigem Suchen: Macht. Er konnte jedes Mal entscheiden, ob er seinem Bruder Geld gibt oder eben nicht. Das hat sich damals als Kind für ihn sehr gut angefühlt. Außerdem fiel es ihm nicht schwer, Geld zu sparen. Eine Veranlagung, die seinem Bruder nicht in die Wiege gelegt war. Wir haben im Laufe des Gesprächs natürlich auch auf den heutigen Umgang der beiden Brüder geschaut, die inzwischen erwachsene Männer sind. Der Umgang mit Geld ist ähnlich geblieben. Der eine hat Freude am Sparen, der andere verdient zwar besser, gibt sein Geld aber eher aus. Keine Frage, wer wem in Engpass-Situationen etwas geliehen hat. Das kindliche Muster haben beide bis heute beibehalten.

War Geld in der Schule ein Thema?

In der Schule können wir auch viel in Sachen Geld aufschnappen. Gab es andere Kinder, die mehr oder weniger hatten? Waren sie gut gekleidet und hast du dich mit deiner Kleidung, deinem Ranzen und was auch immer, eher schäbig gefühlt? Oder war es genau umgekehrt und dir war es möglicherweise ein Bedürfnis, von deinen Sachen etwas abzugeben und wenn es nur der Schokoriegel war? Mit welchen Gefühlen hast du Ungleichheit zwischen euch Kindern wahrgenommen? Wie sind umgekehrt die Lehrerinnen mit Ungleichheit umgegangen? Wurden reiche Kinder besser behandelt oder gab es in der Hinsicht Abwertungen? Welche anderen Botschaften hast du bei erwachsenen Personen in Bezug auf Geld aufgeschnappt? Je älter die Menschen sind, mit denen du zu tun hattest, desto wahrscheinlicher sind da Botschaften, die Wachstum und Reichtum gedeckelt haben. Einfach weil sie selbst noch Mangel erlebt haben, wahlweise selbst im 2. Weltkrieg oder in der Nachkriegszeit.

Teenager und Geld?

Im nächsten Erinnerungsschritt geht es darum, sich die Pubertät anzuschauen. Wie bist du da mit Geld umgegangen, wie hast du bei anderen den Umgang mit Geld erlebt? In diesem Alter schauen wir ja schon eigenständiger und meist auch kritischer in die Welt und es ergibt sich vielleicht für dich ein anderer Umgang mit Geld und es entwickeln sich andere Gefühle. Ich habe viel mit ökologisch orientierten jungen Menschen zu tun und Geld spielt hier oft eine große Rolle, da von Konzernen viel Geld eingesetzt wird, das für unsere Welt alles andere als gut ist. Im Umkehrschluss wird dann schnell gespeichert, dass Geld schädlich ist und es deshalb auch nicht gut ist, viel Geld zu besitzen. Geld ist hier schnell der Ursprung allen Übels – wer mit diesen Gedanken aufwächst, hat Schwierigkeiten später viel Geld zu verdienen, wer will schon zum Ursprung allen Übels beitragen?

Andere Menschen erinnern sich an ihre Jugend als die Phase der (Konsum-)Träume. Ob das Turnschuhe, das erste Mofa oder ein geiles Fahrrad, das Smartphone oder was auch immer war. Es gab immer was, das man haben wollte und die Wege, an diese Konsumziele zu kommen, sind vielleicht besonders spannend und raffiniert gewesen. Vielleicht wiederholen sich auch hier Muster in deinem späteren Leben.

Das erste selbst verdiente Geld

Irgendwo in der Phase der Jugend und des jungen Erwachsenenseins kommt auch das erste eigene Geld. Wie war das für dich, dein erstes eigenes Geld zu verdienen? Wie hast du das gemacht, wie hast du dich wertgeschätzt gefühlt? Ich frage hier bewusst nach der Wertschätzung. Geld kann auch Wertschätzung sein. Gerade junge Menschen werden in ihren ersten Jobs gerne ausgenutzt. Sie haben noch keine Erfahrung darin, ordentlich zu verhandeln oder abzuschätzen, was es bedeutet die ganze Nacht zu kellnern oder auf dem Feld Kohl zu ernten (das war mein erster Job und er war echt anstrengend). Im Lernen machen sie Fehler und daraus resultiert oft keine Wertschätzung. Sondern eher abwertende Bemerkungen, die das erste Arbeitserlebnis auch nicht besser machen. Schreib einfach genau auf, wie es dir bei deiner ersten Arbeitsstelle ging und wie du dich gefühlt hast. Es kann auch Sinn machen, nochmal weitere Arbeitsstellen anzuschauen. Ich habe beispielsweise schnell gemerkt, dass ich nicht in der Landwirtschaft mein Geld verdienen will. Es war mir schlicht zu anstrengend. Nachhilfe war irgendwie besser, da bekam ich mehr Geld und es fand gemütlich in einem Kinderzimmer statt.

Deine Liste an Geld-Erinnerungen

Sicherlich lohnt sich auch noch ein Blick auf deine Ausbildung oder dein Studium. Wie bist du mit wenig Geld umgegangen? Hast du Mangel erlebt oder es eher genossen, aus wenig Geld viel Freiheit zu machen? Wie hast du deine Ausbildung bzw. dein Studium finanziert? Musstest du hart kämpfen oder hat sich alles gut gefügt?

Wenn alles gut geht, hast du jetzt eine lange Liste mit Erinnerungen. Nun kannst du schauen, ob aus diesen Erinnerungen Überzeugungen fürs Leben geworden sind. Dazu kannst du die Erinnerungen auf einer emotionalen Skala von 1 bis 10 zunächst bewerten. 1 würde bedeuten, dass dieses Erlebnis zwar in deiner Erinnerung irgendwo ist, dies aber so gut wie keine Emotionen bei dir hervorruft. 10 bedeutet, dass du heute noch wütend, ängstlich, ohnmächtig oder was auch immer wirst, wenn du an diese Erinnerung denkst. Und zwar so richtig. Oder, dass es keine Emotionen hervorruft, du dich aber fragst, ob es eine andere Wahrheit überhaupt geben kann. Auch solche Erinnerungen bekommen eine hohe Punktzahl.

In meinem nächsten Beitrag stelle ich dir ein einfaches Coachingtool vor, mit dem du deine Erinnerungen so verändern kannst, dass sie auf dein weiteres Leben weniger Einfluss haben. So, wie du vielleicht in deinem Leben schon das eine oder andere Mal eine Ernährungsumstellung gemacht hast, so machen wir dann eine „Geldumstellung“.

Über die Autorin

Gisela Enders

Sie ist Reichtumscoach, Trainerin und Autorin. Seit über zehn Jahren widmet sich Gisela Enders in Kursen, Vorträgen, Workshops und Coachings dem Thema Geld. Von „Geldbildung" über „Erfüllt Erben" bis zum „Aktienkurs". Für Frauen, die in das Finanzthema einsteigen wollen, empfiehlt sich ihr Buch „Bau Dir Dein Grundeinkommen”. Und jeden Monatsanfang bietet sie den kostenlosen Kurs „Geld & Erfolg“ an. Hier geht’s zur Webseite von Gisela Enders.