Gender Pay Gap: Mütter erleiden die größten Einkommenseinbußen

Frauen sind super ausgebildet und verdienen annähernd so viel wie Männer. Doch dann werden sie Mütter und das finanzielle Drama nimmt seinen Lauf. Studien belegen nun, dass Mütter 61 Prozent weniger verdienen als Männer. Ulrike Prokop ist Anwältin und hat einige handfeste Hinweise, worauf Frauen achten sollten, damit sie am Ende ihres Arbeitsleben nicht mit 50 Prozent Rentenlücke auf der Strecke bleiben.

Der Anteil der Akademikerinnen ist mittlerweile doppelt so hoch wie vor einer Generation. Junge Frauen sind hervorragend ausgebildet und wollen auch im Job erfolgreich sein. Das gelingt ihnen zunächst auch. Bis zum Alter von unter 30 Jahren ist die Gehaltslücke, der sogenannte Gender Pay Gap, noch nicht besonders ausgeprägt. Er liegt bei rund 9 Prozent im Vergleich zu den Gehältern der Männer. Sofern Frauen sich gegen Kinder und für eine Karriere entscheiden, ist die Gehaltslücke vergleichsweise gering.

Größter Gender Pay Gap bei Müttern

Was aber passiert, wenn wir Frauen uns für die Mutterschaft entscheiden, die für die Mehrheit von uns immer noch Teil einer gelungenen Lebensplanung ist? Verschiedene Studien haben sich in jüngster Zeit dieses Themas vermehrt angenommen. Herausgekommen ist, dass die größten finanziellen Veränderungen für Frauen nach der Geburt des ersten Kindes stattfinden – dann steigt die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen stark an. Das ist das Ergebnis einer Studie des DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin) zur Gehaltslücke zwischen Frauen und Männern, die im Februar 2020 veröffentlicht wurde.

Gehaltseinbußen von 61 Prozent

Eine weitere, internationale Vergleichsstudie von Anfang 2019 hat erstaunlicherweise in den Medien nur sehr wenig Beachtung gefunden. Mich hat sie erschüttert: Diese Studie besagt, dass Mütter in Deutschland zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes Gehaltseinbußen von 61 Prozent hinnehmen müssen im Vergleich zum Zeitpunkt unmittelbar vor der Geburt.


Schließlich fand Ende Juni in den Medien eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ein größeres Echo. Das Ergebnis: Mütter erzielen auf das ganze Erwerbsleben gerechnet, nur etwas mehr als die Hälfte der Erwerbseinkommen von Männern. In Zahlen drückt das die Studie der Bertelsmann-Stiftung wie folgt aus: Frauen in Westdeutschland erzielen ein durchschnittliches Lebenserwerbseinkommen von rund 830.000 €, während Männer mit durchschnittlich rund 1,5 Millionen € rechnen können. Puh, das ist hart!

Eine Million weniger auf dem Konto

Bereits Anfang Juni 2020 habe ich im Rahmen einer Zoom-Vortragsreihe die Gehaltseinbußen einer typischen Erwerbsbiografie von Frauen mit einer hoch qualifizierten, akademischen Ausbildung errechnet. Meine Beispielfrau Franziska verdiente vor der Geburt ein Bruttoeinkommen von 60.000 €. Nach der Geburt des ersten Kindes – mit Mutterschutz, Elternzeit, Teilzeit, Aussetzen der Erwerbstätigkeit (= reine Mutterschaft und Hausfrauentätigkeit) – hatte Franziska in nur neun Jahren  Erwerbseinbußen in Höhe von fast 200.000 € netto. Und das ohne Berücksichtigung etwaiger zu erwartender Gehaltssteigerungen bei Beibehaltung der Erwerbstätigkeit in Vollzeit. Hinzu kommen rund 50.000 € geringere Einzahlungen in die Altersvorsorge. Rechnen wir meinen Beispielfall auf eine Erwerbsbiografie von fast vierzig Jahren hoch, kommen wir auf Gehaltseinbußen von rund einer Million (ohne Berücksichtigung der verminderten Renteneinzahlungen). Dieses Beispiel betrifft top ausgebildete, junge Frauen. Viele junge Frauen werden zwar nicht ganz so viel verdienen wie Franziska, aber selbst in diesen Fällen ist man, wie auch das Ergebnis der Bertelsmann-Studie zeigt, mit mehr als einer dreiviertel Million € schnell dabei.

Eine Rentenlücke von fast 50 Prozent

Sieht man diese Zahlen vor dem Hintergrund der Armutsgefährdung von Alleinerziehenden, der Scheidungsrate von über 30 Prozent, der hohen Altersarmut von Frauen in Deutschland und der nach wie vor immensen Rentenlücke zwischen Männern und Frauen von 40 – 48 Prozent (die Zahlen schwanken je nach Quelle), so ist Handlungsbedarf dringend geboten. In diesem Zusammenhang sollten wir auch nicht vergessen, dass in Deutschland im 21. Jahrhundert immer noch insgesamt 63 Prozent der Ehefrauen zwischen 30 und 50 Jahren über ein eigenes Nettoeinkommen von unter 1.000 € verfügen, während lediglich 6 Prozent der Ehefrauen über 2.000 € netto zur Verfügung stehen (Quelle: Bundesfamilienministerium, 2016).

Dies müssen wir dringend ändern. Was also tun?

Keine Kinder zu bekommen, ist auch keine Lösung. Aufgrund der in Deutschland geltenden, insbesondere Ehefrauen benachteiligenden Gesetzgebung, vor allem in Form des Ehegattensplittings, werden Ehefrauen aufgrund der hohen Steuerlast davon abgeschreckt, mehr zu arbeiten. Dies ist einer der Hauptgründe, warum wir in Deutschland, 62 Jahre nach Einführung des Ehegattensplittings, in fast allen Rankings, (egal, ob europaweit, in Bezug auf ausgesuchte Vergleichsländer oder alle OECD-Länder) in Bezug auf die finanzielle Gleichstellung von Frauen entweder den letzten Platz einnehmen oder nur knapp davor landen.

Den Preis bezahlen wir Frauen. Gäbe es das Ehegattensplitting nicht, würden verheiratete Frauen in Deutschland rund 280 Stunden pro Jahr mehr arbeiten. 1984 haben 40 Prozent der Ehefrauen Vollzeit gearbeitet, 2016 waren es nur noch knapp 25 Prozent (Quelle: Prof. Nicola Fuchs-Schündeln). Da wir auf die Politik, der dieses Thema seit Jahren bekannt ist, nach wie vor nicht zählen können, empfehle ich jungen Frauen (zum einen aus meiner beruflichen Erfahrung als Scheidungsanwältin, zum anderen aber auch aus meiner Erfahrung als Alleinerziehende, als Ehefrau und als Mutter) folgendes:

  1. Auch nach einer Eheschließung und einer etwaigen Reduzierung des Erwerbsumfangs in Teilzeit n i c h t  in die ungünstige Steuerklasse V zu wechseln. In dieser Steuerklasse haben die Frauen einen so hohen Steuerabzug, dass oft folgender Eindruck entsteht: Ich leiste ja eh nicht viel für das Familieneinkommen. Doch diese Wahrnehmung trügt! Mit dieser Steuerklasse unterschätzen Frauen häufig ihren Beitrag zur Familienkasse. Männer überschätzen ihn hingegen. Der durch das Ehegattensplitting zu erwartende Steuervorteil ist auch bei Versteuerung des eigenen Einkommens in Steuerklasse IV keinesfalls verloren, er wird lediglich auf die Rückerstattung im Rahmen der Einkommensteuererklärung im Folgejahr verschoben.Noch besser ist das Faktorverfahren; damit ist unter Beibehaltung der Steuerklassen IV der Steuervorteil schon im Veranlagungsjahr möglich. Hierdurch werden die negativen Auswirkungen des Ehegattensplittings bei Eheleuten weitgehend beseitigt, bei denen sich die Ehefrau aufgrund der zu erwartenden steigenden Steuerlast scheut, den Umfang der Erwerbstätigkeit auszuweiten. Weiterhin bleibt aber der grobe Fehler, dass der höchste Steuervorteil erzielt wird, wenn die Ehefrau ihre Erwerbstätigkeit ganz aufgibt und Hausfrau wird (Das aber ist, wie gesagt, ein politisches Thema). Ein völlig falsches Signal! Wie man leider auch in den Statistiken sieht. Mein Fazit: Solange es das Ehegattensplitting gibt, werden Frauen nie zu den Männern aufschließen. Sie starten super in den Job, doch mit dem ersten Kind schnappt die Falle zu.
  2. Die Elternzeit völlig paritätisch mit eurem Partner oder Ehemann auszugestalten (50/ 50). Das hat neben den finanziellen Aspekten einige weitere unschätzbare Vorteile für alle Beteiligten.
  3. Die – wenigstens teilweise – Kompensation der enormen Gehaltseinbußen durch die Mutterschaft in einem (notariell beurkundetem) Ehe- oder Partnerschaftsvertrag regeln in dem Bewusstsein, dass ein Ehe- oder Partnerschaftsvertrag kein Ausdruck des Misstrauens gegenüber dem (Ehe-)Partner ist, sondern vielmehr ein Ausdruck der Wertschätzung gegenüber der Leistung des anderen.
  4. Am besten alles bereits vor der Schwangerschaft oder Eheschließung mit eurem Partner klären.

Wollen wir Frauen im Alter weder abhängig von unseren Ehemännern noch vom Staat sein, müssen wir mit unbedingtem Willen daran arbeiten, die Versäumnisse der Politik im Privaten auszugleichen. Meine Empfehlungen sollen hilfreiche Anregungen geben. Es kann jeder Mutter passieren, dass sie in finanzieller Eigenverantwortung leben muss. Warum also nicht schon während bestehender Partnerschaft oder Ehe damit anfangen? Dazu müssen sich Frauen lediglich informieren, wachsam sein und ihre Finanzen aktiv und in Kommunikation – und sicher auch Diskussion – mit dem Partner regeln. Gutes Gelingen!

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Über die Autorin

Ulrike Prokop

Sie ist seit mehr als 25 Jahren als Juristin und Anwältin tätig. Zunächst arbeitete sie im Bereich des Wirtschafts- und Kapitalmarktrechts und seit über zehn Jahren als Scheidungsanwältin. Daher weiß sie, dass die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, langfristig mit hohen Einkommenseinbußen einher geht. Deshalb unterstützt sie Frauen dabei, dies zu ändern, um in Partnerschaft und Ehe langfristig finanziell selbstbestimmt leben zu können.