Wegen Corona zurück in die 50er? Wir brauchen eine starke Vision für die Aufteilung von Care-Arbeit

Wann und wie sollen Schulen und Kitas wieder aufmachen? Diese Frage zeigt gerade wieder die Ungleichheit auf, die immer noch zwischen den Geschlechtern herrscht. Wir müssen dringend darüber sprechen, wie Care-Arbeit besser aufgeteilt werden kann, damit kein Rollback in die 50er-Jahre droht.

Die Corona-Krise gilt als die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, der vor fast genau 75 Jahren zu Ende ging. Wieder sind es unzählige Frauen, die im Alltag Verantwortung übernehmen: 75 Prozent der systemrelevanten (meist schlecht bezahlten) Jobs werden von Frauen ausgeübt, was nicht viel daran ändert, dass sie auch den Löwenanteil bei Kinderbetreuung und Homeschooling schultern. Auch damals nach dem Krieg waren es die Trümmerfrauen, die Verantwortung übernommen und die zerbombten Städte aufgeräumt haben, um dann im Wirtschaftswunder der 50er-Jahre an den (westdeutschen) Herd und in das Heim verwiesen zu werden.

Ein Rollback in die 50er-Jahre?

Die Ausgangslage ist natürlich nicht vergleichbar, aber meine Befürchtung ist, dass Rezession und Kontaktsperre viele wieder zurückwerfen könnte auf den Rückhalt der klassischen Kleinfamilie – und damit auch die überwunden geglaubte, klassische Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau wieder aktiviert wird. Sind wir gerade wieder auf dem Weg dorthin?

Durch die Schließung von Schulen und Kitas wurde die Betreuung und Ausbildung von Kindern ins Private verlagert. In der Not und für ein paar Wochen ist die Betreuung zu Hause eine naheliegende Lösung, die zum Glück sehr viel Zustimmung gefunden hat – es geht ja um unser aller Gesundheit und die Eindämmung der Epidemie. Zahlreiche Familien meistern diese Zeit aber nur mit wechselnden Schichten im 24/7-Betrieb – Alleinerziehende sind ganz auf sich gestellt. Dieser Zustand wird (aus guten Gründen) voraussichtlich noch Monate anhalten, daher müssen wir jetzt darüber reden, wie wir verhindern können, dass das nicht auf Kosten der Frauen und ihren eigenen Jobs oder Businesses passiert.

Frauen drohen Burnout oder finanzielle Abhängigkeit

Nach den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit aus Juli 2019 arbeitete in 2018 fast die Hälfte aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen in Teilzeit – in aller Regel, weil sie Mütter sind. Hinzu kommen die Frauen, die nur einen Minijob haben oder als Solo-Selbständige zeitlich und örtlich flexibel sind und sich damit etwas aufgebaut haben, das auch mit Familie funktioniert. Daher gibt es durch die Pandemie zwei konkrete Gefahren für Frauen: Entweder steuern sie durch die Drei- und Vierfachbelastung mit Kinderbetreuung, Haushalt, Homeschooling und Homeoffice in kürzester Zeit auf ein Burnout zu. Oder sie müssen beruflich kürzer treten, um ihren Job als Mutter zu machen und damit den Laden zu Hause, aber auch gesamtgesellschaftlich zusammenzuhalten. So verlieren sie Einkünfte, Ansprüche auf Altersvorsorge, Karrierechancen – und damit schlicht bares Geld.

Meine Sorge: Bezahlte Arbeit könnte jetzt in vielen Branchen wieder ein knappes Gut werden. Und von daher besteht die Gefahr, dass die verbleibenden Jobs an Männer vergeben werden, da sie im allgemeinen Denken „die Familie ernähren“. Schließlich ist das höhere Einkommen der Väter für die Familien häufig existenzsichernd. Dann sind die Frauen wie in den 50er-Jahren notgedrungen wieder an den Herd gefesselt. Und diesen Rollback in die präfeministische Steinzeit will ich nicht erleben. Denn es käme ja noch schlimmer: Heute sind auch verheiratete Frauen nicht mehr rechtlich „abgesichert“ wie früher, sondern für sich selbst verantwortlich. Ohne ein eigenes Einkommen könnte eine gefährliche Abhängigkeit entstehen.

Wollen wir die erreichten Fortschritte über Bord werfen?

Bis vor ein paar Wochen hatten wir quasi „Vollbeschäftigung“ und Fachkräftemangel, obwohl nicht mehr nur Männer, sondern zahlenmäßig fast genauso viele Frauen auf dem Arbeitsmarkt sind. Es wird nicht mehr infrage gestellt, sondern gefördert, dass wir Frauen jeden Beruf erlernen und ausüben können, den wir anstreben. Frauen sind oft gut ausgebildet, führen Unternehmen, stehen an der Spitze von europäischer Zentralbank und Kommission – und sie regieren. Es ist noch viel zu tun, aber nicht nur Frau Merkel in Deutschland, auch ihre Amtskolleginnen von Neuseeland bis Finnland und Taiwan zeigen, dass die Welt mehr Female Leadership braucht. Das alles steht auf dem Spiel. Machen wir uns nichts vor: Die Frage der unbezahlten Care-Arbeit wird in der bevorstehenden Wirtschaftskrise der Knackpunkt sein, an dem sich entscheidet, wie ernst es alle mit der Gleichberechtigung meinen.

Ist das bedingungslose Grundeinkommen die Lösung?

Doch es gibt auch Ideen, wie man zumindest finanziell für einen Ausgleich der bisher unbezahlten Care-Arbeit sorgen könnte. Die Aufstockung von Rentenansprüchen könnte ein Ansatz sein, vor allem aber ein bedingungsloses Grundeinkommen von sagen wir 1000 Euro im Monat. Aber Vorsicht – ein Grundeinkommen könnte auch wie eine großzügige „Herdprämie“ die finanzielle Ungleichheit zwischen Mann und Frau weiter zementieren: Als Anreiz, zu Hause zu bleiben, anstelle sich in der Doppelbelastung zwischen Homeoffice und Homeschooling aufzureiben. Wie viele Frauen würden ihre berufliche Selbstverwirklichung oder ihre Karriere auf Eis legen, um für ihre Kinder da zu sein, damit deren Zukunft nicht den Bach runtergeht?

Gerne wird dann gesagt, die Frauen wollten das ja so und würden die Zeit genießen. Kommt eigentlich mal jemand auf die Idee, dass sie einfach Verantwortung übernehmen? Und dass sie es auch nicht immer toll finden, Kleinkinder wochenlang auf 70 Quadratmetern bei Laune zu halten oder das Periodensystem zu erklären? Auch mit einem Grundeinkommen darf die Care-Arbeit also keine Frauensache bleiben.

Yes, we care! – und zwar alle zusammen

Zum Glück gibt es immer mehr Väter, die verstanden haben, dass sie genauso in der Pflicht sind. Wir können heute auf Augenhöhe mit unseren (aktuellen oder ehemaligen) Partner*innen vereinbaren, wie wir die Kinderbetreuung aufteilen und wer wie viel in welcher Lebensphase arbeitet. Das auszudiskutieren ist sicher nicht immer einfach, aber es sollte heute selbstverständlich sein, über Geld, Care-Arbeit und Mental Load zu reden und zu verhandeln.

Zu meinem Bild der Corona-Krise gehören jedenfalls auch die Männer, die für den (möglicherweise systemrelevanten) Job ihrer Frauen zurückstecken, ins Homeschooling einsteigen und mit den Kindern im Park spielen. Dieses Bild ist es doch, das Deutschland sich erhalten sollte: Dass wir das alle nur zusammen schaffen – kreativ, solidarisch und verantwortungsvoll. Wir stellen jetzt schon die Weichen für das, was danach kommt. Deshalb brauchen wir eine klare Vision davon, wie und nach welchen Werten wir dann weiter zusammenleben und unser Leben gestalten wollen. Denn wir wollen alle unsere Freiheiten wiederhaben – und nicht das Korsett alter Rollenklischees.

Anne van Dülmen
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Über die Autorin

Anne van Dülmen

Hat zwanzig Jahre lang in der Finanzbranche als Beraterin, politische Referentin und Pressesprecherin gearbeitet. Bei OW up! schreibt sie über Geld und alles was dazu gehört. Denn Geld ist genau wie Sex ein Thema, über das „man nicht spricht“. Und das geht oft zu Lasten von Frauen. Deshalb unterstützt Anne als Coach, Juristin und Autorin Frauen dabei, ihre eigene Geldgeschichte zu schreiben – mit Impulsen für Kopf, Konto und Karma. Hier geht's zur Webseite von Anne van Dülmen.